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wegungen zu überwachen. Dann konnten alle übrigen Truppen inSicherheit und in größerer Breite durch das Land marschieren.Dies hätte ihr Fortkommen beschleunigt und ihre Ernährung er-leichtert. Daß man die Oder so schnell wie möglich erreichenmüsse, war allen Führern klar, aber dennoch verfielen sie nicht aufdie einfachsten Mittel zum Ziele. Die unheimliche Macht dereingewurzelten Gewohnheiten und anerkannten „Regeln der Kunst"hielt die Geister gefangen.
Am 22. wurde Genthin, am 23. Rathenow erreicht. VomFeinde war immer noch nichts zu sehen, denn wie wir wissen,hielt die Elbe noch den ungeduldigen Kaiser auf. Die Truppenhatten mehr Ruhe gehabt als in den Tagen vor Magdeburg ;einiges Vertrauen kehrte in ihre Reihen zurück. Der Fürst faßteeinen vortrefflichen Entschluß. Er gedachte am 24. Oktober einenGewaltmarsch zu machen. Bei Friesack sollte keine Nachtruhe ge-halten, sondern die Bewegung sogleich bis Ruppin fortgesetztwerden. Am 24. abends hätte die Armee dort in voller Sicher-heit gestanden. (S. Skizze 5.)
So nahe war man der Rettung, und dennoch sollte es nicht dazukommen. Gerade als Hohenlohe seine Befehle gab, erschien Massen-bach und stimmte ihn um. Er hielt den beabsichtigten Marsch fürzu gefährlich, obschon keinerlei Gefahr drohte, er hielt ihn auch fürfalsch, weil er mit seinen wunderlichen Theorien nicht überein-stimmte. Der Marsch sollte durch die Sumpfstreifen des Rhinluchsgegen den Feind geschützt vor sich gehen und die Armee zunächstnördlich auf Neustadt ausbiegen. Treffend bemerkte Hohenlohe,daß der Feind noch gar nicht da sei; aber er wagte es dochnicht, sich von dem falschen Propheten loszusagen, dem er bis dahingefolgt war. Er traute dem eigenen gesunden Sinn zu wenig, derAfterweisheit des konfusen Doktrinärs zu viel — und gab nach.
Man bog also nordwärts aus, um einem Feinde aus demWege zu gehen, dessen vorderste Streifparteien am nämlichen Tageerst, aufs höchste ermüdet, die 70 Kilometer entfernte Gegend vonPotsdam und Spandau erreichten. Am 24. abends aber standdie Armee nach kurzem Marsche bei Neustadt an der Dosse nichtnäher der Oder, als sie es tags zuvor bei Rathenow gewesen war.Ein ganzer Tag war verloren — und welch ein kostbarer Tag!Ein Blick auf die Karte genügt, um zu erkennen, daß die bei Neu-und Alt-Ruppin stehende Armee die Oder mit Sicherheit selbst