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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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II. Der Krieg von 1806 und 1807

sollte nur noch in Berlin durch Prinz Ferdinand ein Versuch ge-macht werden, bessere Bedingungen zu erlangen.

Dann ging der Hof nach Osterode . Noch war nichts vonBedeutung geschehen, ein neues Heer aufzustellen, dessen Kern dieoft- und südpreußischen Truppen hätten bilden können. Keineallgemeine Aushebung war angeordnet worden, ja nicht einmal dieAufhebung der zahlreichen Ausnahmen von der Kantonpflicht derEinländer erfolgte. Der außergewöhnlichen Gefahr dachte manimmer noch mit den gewöhnlichen Mitteln wehren zu können.Keinerlei Neuschöpfungen von Truppenteilen fanden statt. Esblieben sogar Linienregimenter in den Festungen zurück, die mandurch Besatzungsbataillone sehr wohl hätte ablösen können. Leichtwären 13 gute Bataillone zu gewinnen gewesen, um die zunächstunter Kalckreuth östlich der Weichsel sich versammelnden Truppen,nur noch 19^2 Bataillone, S5 Eskadrons und 3 Batterien zuverstärken und so wieder ein ansehnliches Korps im freien Feldezu bilden.

Man ließ es sich genügen, die in den Friedensgarnisonenverbliebenen Mannschaften und Vorräte nach rückwärts in Bewegungzu setzen und eine Rekrutenaushebung nach alter Art anzuordnen,die bei der Überschwemmung des Landes durch den Feind vielfachnicht einmal zur Ausführung kam.

So war im Augenblicke nichts vorhanden als eine schwacheBesatzung der Weichsellinie. Vier russische Divisionen, welche dieerste Hilfe brachten, hatten soeben erst, am 29. Oktober, bei Jurburg,Olita, Grodno und Jalowka die preußische Grenze überschritten.(S. Skizze 8.) Am 20. November erreichten sie Warschau sowie dieGegenden an der unteren Wkra und dem unteren Narew. Ihr Führer,General v. Bennigsen, übernahm den Oberbefehl auch über diepreußischen Truppen. Diese zogen sich bei Osterode zusammen.

Dort ward sogleich eine schwere Entscheidung notwendig.Napoleon hatte seine Forderungen von neuem gesteigert und am16. November die Einräumung des gesamten Staatsgebietes biszur Weichsel mit den an diesem Strome gelegenen Festungen ver-langt. Erst nach Erfüllung dieser unerhörten Bedingung wollteer einen Waffenstillstand schließen. Nichts verriet, welche Ver-pflichtungen er anerkenne, falls die dann folgenden Friedens-verhandlungen sich zerschlugen. Der König sollte auch noch Sorgedafür tragen, daß seine russischen Bundesgenossen wieder in die