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umsonst und jeder Gedanke an Fortsetzung des Kampfes gegen dasGenie Napoleons eine Lächerlichkeit wäre, kam zu unheilvollerGeltung. Es ist als ein Glück für das Vaterland zu bezeichnen,daß Napoleon nicht bei seinen ersten mäßigen Forderungen blieb,sondern mehr und mehr verlangte. Sonst wäre es zum Abschlüssegekommen und das geschwächte Preußen, an den Triumphwagendes Korsen gespannt, für immer zur Rolle eines Staates vonzweitem Range verurteilt worden.
Nationale Liebe und nationalen Haß kannte das kosmopolitischangekränkelte Geschlecht überhaupt nicht. Es hätte sich mit geist-reichelnder Leichtlebigkeit in die bescheidene aber bequeme Trabanten-rolle gefunden. Gott hat es zum Heile des Vaterlandes andersgewollt. Er verblendete den Eroberer, daß er durch schrankenloseAusbeutung seiner Übermacht Herrscher und Volk zur kraftvollenWiedererhebung zwang.
Eine glühende Fürsprecherin fand die mutvolle Gegenwehr inder herrlichen Königin, die in Preußens trübster Stunde seinSchutzgeist für immer geworden ist. Sie war zunächst nach Stettin gegangen, von wo sie dem Könige schrieb: „Nur um Gottes willenkeinen schändlichen Frieden." Dann eilte sie an dessen Seite, umdas große Leid getreulich mit ihm zu teilen.
Der König befand sich vom 20. Oktober ab in Küstrin . Dorttraf Lucchesini, den er von Magdeburg aus an Napoleon gesendethatte, mit der Nachricht ein, daß der Kaiser die Abtretungdes linken Elbufers außer Magdeburg und der Altmark sowie100 Millionen Frank Kriegskostenentschädigung verlange. Diekriegsscheue Umgebung des Königs riet zur Nachgiebigkeit; GeneralZastrow geleitete Lucchesini mit der grundsätzlichen ZustimmungFriedrich Wilhelms nach Berlin . Am 26. verließ der KönigKüstrin und erreichte am 3. November Graudenz. Die Neste desstolzen Heeres, das sechs Wochen vorher noch die BewunderungEuropas erregt hatte, etwa 8000 Mann, sammelten sich bei Marien-werder. In Graudenz erreichten den König erst die Hiobspostenvon der Übergabe der Festungen, dann von der Unterzeichnung derFriedenspräliminarien, obschon Napoleon bereits mehr geforderthatte — unter Umstünden selbst die Teilnahme am Kriege gegenRußland . Die hoffnungslose Lage machte sogar die Königin an-fangs schwankend; doch fand sie ihre Zuversicht auf einen besserenAusgang wieder. Der König hieß die Präliminarien gut. Es