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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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II. Der Krieg von 1806 und 1807

Dann ging es nach kurzem vergeblichem Warten weiter gegendie Weichsel . Allmählich begannen ungünstige Meldungen einzu-treffen. Das Land, welches die französischen Heersäulen durch-zogen, bot nichts für deren Ernährung. Lannes verglich seinenMarsch von Stettin nach Schneidemühl mit demjenigen, denBonaparte einst von Ägypten nach Syrien gemacht habe, nur sähees hier des Sandes wegen noch schlimmer aus. Ähnlich stand esüberall. Die Kunde kam, daß sämtliche Brücken über die Weichsel zerstört seien. Die Russen waren also diesseits der Weichsel aufkeinen Fall zu erwarten; die Aussicht auf einen sich immer weitervon den heimischen Hilfsquellen entfernenden Kampf begann sichzu eröffnen.

Regenwetter trat ein; die Wege wurden grundlos, der Marschging langsamer vorwärts. Am 17. November traf Lannes Thorngegenüber ein, wo General v. L'Estocq mit der Vorhut der preußischenTruppen stand. Wie es überall geschehen, so erging auch hierzunächst eine Aufforderung zur Übergabe. Sie wurde zwar ab-gelehnt, aber der preußische Befehlshaber ließ sich doch auf Ver-handlungen mit dem Marschall ein, welche diesem manchen wert-vollen Aufschluß über die Verhältnisse jenseits der Weichsel gaben.Augereau erreichte auf fürchterlichen Wegen am 20. November mitseinen ermüdeten Truppen Bromberg . Davout stand bereits seitdem 18. bei Sompolno halbwegs Posen und Warschau und vorihm Murats Kavallerie. Aber die Garden und Ney waren nochin und bei Berlin, Bernadotte und Soult erst auf dem Wegedahin, Mortier bei Hannover .

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Wären auf preußischer Seite die seit der großen Niederlageverstrichenen fünf Wochen zu einer großen Anstrengung benutztworden, so hätte an der Weichsel ein starker Widerstand der Flutder feindlichen Eroberung den ersten lange dauernden Halt ge-bieten können.

Leider hatte aber die unglückselige Hoffnung, durch bereit-willige Anerkennung der eigenen Niederlage und der ÜberlegenheitNapoleons zu einem billigen Ausgleich zu kommen, alle Energiegelähmt. Die Sehnsucht nach Frieden verbreitete sich wie eineansteckende Krankheit. Die Weisheit kleinmütiger Herzen, daß alles