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H. Der Krieg von 1806 und 1807
Krieges noch immer für nahe. Fest rechnete er auf die An-nahme seiner Waffenstillstandsbedingungen durch Friedrich Wil-helms Friedensliebe. Insgeheim wünschte er, seine Truppen nachden großen Anstrengungen in Winterquartiere legen zu können.Die Unzufriedenheit des Heeres und seiner Führer mit der Fort-dauer der Märsche und Entbehrungen in einem armen, fast wege-losen Landstriche klang deutlich aus den Meldungen seiner Marschälleheraus. Die Ruhe von einigen Monaten hätte ihn instand ge-setzt, soviel Verstärkungen heranzuziehen, daß er einen entscheidendenKampf gegen Rußland aufzunehmen vermochte, wenn er jetzt schonnötig wurde. Alles dies ließ ihn vorerst einen Abschluß — wennauch nur einen vorläufigen — herbeisehnen.
Ungeduldig, von Duroc noch keinen endgültigen Bescheid zuhaben, brach er am 26. November aus Berlin auf. Unterwegserhielt er in Meseritz die Nachricht von der Verwerfung seinerFriedensbedingungen, die ihn vollständig überraschte. Schon warer gewöhnt, für gewiß zu halten, was er wünschte. In seinemUnmute beschloß er die Absetzung des Hauses Brandenburg.
Am 27. November traf er in Posen ein. Nun gedachte erseiner Rache genug zu tun und mit wuchtigen Schlägen die Russenwieder in ihr eigenes Gebiet zurückzutreiben, um dann mit Preußen gewaltsam ein Ende zu machen. Noch ahnte er die Größe derEnttäuschung nicht, die ihm bevorstand. Seinem gewaltigen Willenstellten sich zwei gewaltigere Mächte entgegen: die Natur des Landesund der östliche Winter.
Der Kaiser hatte geschwankt, je nachdem ihm die Nachrichtenzugingen, ob er mit der Hauptmasse seiner Truppen bei Warschau oder bei Thorn über die Weichsel gehen sollte. Das Erscheinender Russen bei Warschau entschied ihn für diese Richtung.
Am 30. November standen dort schon Murat mit seinerReiterei und das Korps Davout, Lannes, von Thorn kommend,nahe dahinter, und Augereau, gleichfalls aus derselben Richtungerscheinend, bei Kowal. Ney, die Garde, Soult und drei Kavallerie-divisionen standen zwischen Posen und Zielenzig. Das neu gebildeteKorps Jerümes traf bei Kalisch ein.
Übereilt hatten die Russen Warschau geräumt und waren aufdas rechte Ufer nach der Vorstadt Praga zurückgegangen. Auchdort fühlten sie sich nicht sicher; denn hinter ihnen lag damalsösterreichisches Gebiet, und sie befürchteten, unter Nichtachtung der