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II. Der Krieg von 180S und 1807
wiedernehmen. Aber dem energischen Entschluß folgte schnell einSinken der Stimmung. Bennigsen, wohl den Augenblick für ver-strichen haltend, in dem er die schwachen, schon am rechten Uferstehenden französischen Abteilungen noch vernichten könne, machte ander Wkra Halt. L'Estocq kam nur bis Gollub, da auch er fälsch-lich hörte, Thorn sei schon zu stark vom Feinde besetzt.
Diese kurze Bewegung ist auf französischer Seite nicht erkanntworden. Aber Napoleon erfuhr doch, daß in der Gegend vonPultusk stärkere russische Kräfte ständen, und nun hoffte er, dortzur Entscheidung zu kommen. Die Masse des Heeres sollte alsobei Warschau übergehen, bei Thorn uur das aus den drei nach-folgenden Neiterdivisionen neu gebildete zweite Kavalleriekorps unterBessieres, sowie Ney und nach ihm auch Bernadotte. Diese linkeGruppe erhielt Befehl, sich alsbald näher an die rechte heran-zuziehen. Der Kaiser dachte sogar daran, Jeröme an der Ent-scheidung teilnehmen zu lassen und hoffte, mit seinen Wünschen dieWirklichkeit überflügelnd, an 140000 Mann vereinigen zu können.Ein entscheidender Sieg würde dann nicht ausbleiben.
Zuvor zwang das Geschick den Ungeduldigen jedoch, sichGeduld aufzuerlegen. Auch die dritte Dezemberwoche verstrich,und die Bug-Narewbrücke war noch immer nicht fertig — einunerhörter Aufenthalt. Eine französische Abteilung war freilichüber den Fluß gelangt und hatte sich drüben behauptet, da Bennigsenweder diesen noch das Weichselufer überwachen ließ. Der Kaiserwar von Posen nach Warschau abgereist; aber mittlerweile hatte derFrost wieder dem Tauwetter Platz gemacht. Im leichten Bauern-wagen auf grundlosen Wegen nur mühsam vorwärts kommend,hatte er begreifen gelernt, daß die Klagen seiner Marschälleund die Langsamkeit des Heeres ihren Grund hatten. Viel später,als seine Eile es gebieterisch forderte, war er erst um Mitternachtvom 18. zum 19. Dezember angekommen. Seinen Schwager Muratfand er sieberkrank vor, seine Truppen in ziemlich traurigem Zu-stande. Es fehlte an Lebensmitteln, an Bekleidung.
Da endlich traf am 22. Dezember die Meldung ein, daß auchdie Bug-Narewbrücke fertig wäre. Nun war die Gefahr für dieschon am rechten Weichselufer befindlichen Truppen vorüber, undum so schneller sollte es vorwärts gehen, je mehr Zeit schon ver-loren war. Der kampflose Marsch gegen und über die Weichsel dauerte bereits weit länger, als der ganze entscheidende Feldzug