Druckschrift 
1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
Entstehung
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 

Kämpfe um die Stadt

115

schwieg, nahm Napoleon sein Qartier in einem damals noch wohl-erhaltenen großen Patrizierhause an der Landsberger Straße undtraf die Anordnungen für den kommenden Morgen.

Die Nacht brach herein. Sie war bitter kalt. Die Temperatursank bis auf 12 und 14 Grad Reaumur herab. Die Franzosenfanden in Eylau und nächster Umgebung noch ein dürftiges Unter-kommen. Übler war die Lage der Russen auf den kahlen Höhennordöstlich der Stadt. Bennigsen hatte befohlen, daß keine Feuerangezündet werden dürften, und die Truppen litten unter diesemwidersinnigen Verbot, das in einem neuen Beispiel die unheilvolleMacht herrschender Theorien lehrt. Die Stellung der Russen wardem dicht gegenüber lagernden Feinde längst bekannt, und es hättewohl einen Sinn gehabt, zahlreiche Wachtfeuer zu unterhalten,wenn die Armee durch einen fünften Nachtmarsch sich nochmals derSchlacht hätte entziehen wollen. Zwecklos aber war es, die armenfrierenden Truppen ohne Feuer zu lasten, trotzdem man zum Ent-scheidungskampfe entschlossen war. Viel wichtiger wäre es gewesen,ihnen eine ordentliche Nachtruhe am warmen Feuer und möglichstreichliche Kost zu verschaffen, ehe der Kampf wieder anhob. Fürdie Disziplin des russischen Heeres spricht es, daß trotz aller NotBennigsens Anordnung wirklich befolgt wurde. Die in jener Zeitvorhandenen zahlreichen Feldzäune standen am anderen Morgenunversehrt da. Wenn Augenzeugen vom Eylauer Kirchturme ausin der Nacht unzählige russische Lagerfeuer gesehen haben wollen,so war ihre Phantasie allzu tätig oder die Erinnerung hat siegetäuscht.

In begreiflicher Unruhe mag der Kaiser diese Nacht vollbrachthaben. Der langersehnte, den Feldzug mit einem glänzenden Siegefür ihn abschließende Waffengang stand nunmehr, wie er überzeugtwar, vor ihm.

Eine heftige russische Kanonade gegen Pr.-Eylau leitete dasDrama des nächsten Tages, eines Sonntages, im Morgengrauenein. Die französischen Korps eilten in die ihnen zugewiesenenStellungen. Die große Armee war indessen bei weitem nicht voll-zählig anwesend und durch die vorangegangenen Verluste arg ge-lichtet. Murat mit seinen vier, je vier Regimenter starken Reiter-divisionen, Milhaud, Klein, Hautpoul und Grouchy , sodann dieKorps Soult , Augereau und die Garde hatten die Nacht in Eylauund nächster Nähe verbracht. Marschall Davout sollte auf der

8*