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daß sich die Russen gänzlich von ihren rückwärtigen Verbindungentrennten, was geschehen wäre, wenn auch er nach Königsberg folgte.Wir würden heute vielleicht anders darüber denken und dem ver-bündeten Heere in einer solchen Lage nicht den freien Abzug er-möglichen, sondern es lieber zum Verzweiflungskampfe ohne Rückzugzwingen. Gaben die Russen der Versuchung nach und marschiertenauf Tilsit ab, so wäre der Krieg vielleicht zu Ende gewesen. Aberwir dürfen nicht vergessen, daß dieser heute eine absolutere Gestaltals damals angenommen hat. Schloß Napoleon mit dem, was vonder großen Armee noch übrig war, die Russen und Preußen beiKönigsberg ein, so hätte dies vielleicht den sofortigen Friedenbedeutet, der allein die russische Armee vor der Schmach einerWaffenstreckung oder der Flucht über See zu retten schieil.
Man kann Scharnhorst nicht unrecht geben, daß er den Wegüber Domnau nach Friedland einschlug. Auch Verstärkungen fürdas Heer waren unterwegs, und ihr Herankommen mußte gesichertwerden. Gegen einen ernsten Angriff Napoleons Hütte die kleinepreußische Schar freilich die russischen Verbindungen nicht schützenkönnen, aber ein solcher war vorerst nicht zu erwarten.
Bennigsens Entschluß hat Eylau zur unentschiedenen Schlachtgestempelt. Daß sie kein entscheidender Sieg geworden ist, daranträgt er trotzdem nicht die Hauptschuld. Wie anders hätten auchunter seiner Führung sich die Dinge gestaltet, wenn am Nach-mittage bei Kutschitten nicht 6000, sondern 20 000 oder 25000Mann frischer preußischer Truppen erschienen wären, und das warmöglich, wenn der große Augenblick ein großes Geschlecht fand,das der ungeheuren Gefahr mit äußerster Kraft begegnet wäre undsich nicht der trügerischen Hoffnung hingegeben hätte, sie mit denkleinen alltäglichen Mitteln zu bannen. Wäre nur nach demAbmarsch von Freystadt alles zusammengehalten, die unselige Zer-splitterung vermieden worden, so war schon viel geholfen. Hätteein genialer Führer die 28 Schwadronen, die bei Kutschitten an-kamen, zu einer großen Masse zusammengeballt, und ein andererSeydlitz diese, ähnlich wie bei Tagewerken, in die schwachen feind-lichen Linien geführt oder die Flanke umgangen und den Rückenangegriffen, so wären am Abend die Kreegeberge mit zahlreichemfranzösischem Geschütz in preußischer Hand gewesen. Aber manbesaß außerdem 19 frische Reservebataillone und nicht wenigerals sechs fertige neue Kavalleriebrigaden mit 24 Schwadronen,