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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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II. Der Krieg von 1806 und 1307

aber zu allgemeinem Verdruß noch an demselben Tage ein vor-zeitiges Ende nahm. Die falsche Nachricht, daß Napoleon selbstim Vorrücken sei, genügte Bennigsen, um seine Armee sofort zurück-zurufen und sie in ihre alten Quartiere wieder einrücken zu lassen.

Man hat zu Bennigsens Entschuldigung auf die schwierigeLage hingewiesen, in der er sich persönlich befand. In der Tatsah man ihn im eigenen Heere halb und halb als einen Fremdenan. Das Altrussentum verzieh ihm die deutsche Abstammung nicht.Während der schweren Eylauer Tage wurde ganz allgemein überden deutschen Einfluß auf die Heerführung gemurrt. Die Räumungdes Schlachtfeldes in der Nacht vom 8. zum 9. Februar zog demOberbefehlshaber die heftigsten Vorwürfe und Anfeindungen amrussischen Hofe zu. Er bot sogar seine Entlassung an. Zwarhatte sein Kaiser ihn darauf erneut seiner vollen Gnade versichert,aber dennoch fühlte er sich in seiner Stellung nicht sicher. Er sahrichtig voraus, daß eine einzige entscheidende Niederlage ihn nichtnur um den mühsam errungenen Ruhm, sondern auch um denFeldherrnstab bringen werde. Das Gefühl, dem größten Kriegerseiner Zeit gegenübergestellt zu sein, beengte ihn in allen Ent-schlüssen und machte ihn befangen im Handeln.

Nicht minder hemmend wirkte auf seine Tätigkeit die An-wesenheit des Monarchen in seinem Hauptquartier. Kaiser Alexander,der von dem in seine Dienste getretenen, verschrobenen, aberfür genial gehaltenen General v. Phull begleitet war, KönigFriedrich Wilhelm, Knesebeck und noch andere mischten sich indie Angelegenheiten des Armeebefehls oder wurden zu Rategezogen. Eine Versammlung, nicht ein Mann, leitete sie, ähn-lich wie es in den verhängnisvollen Oktobertagen geschehen war.Das Durcheinander in den Entschließungen veranlaßte selbst denloyalen und ehrlichen Rüchel einmal, bei Einleitung der Entsatz-expedition nach Danzig seinem Könige offen zu schreiben:Diesist ein Wirrwarr, den sich kein Militär erlauben soll, bei welchemSchwanken man alles Vertrauen verliert."

Auch ein schweres körperliches Leiden begann sich bei Bennigsenfühlbar zu machen.

So kam er zu dem festen Vornehmen, neue entscheidendeSchritte erst zu wagen, wenn alle Verstärkungen eingetroffen wären,die der Armee überhaupt zugesagt waren. Die Frage blieb nur, obNapoleon so lange warten würde.