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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Vergeblicher Entsatzversuch

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Unternehmen verspätete sich. Der Feind gewann Zeit, die Abwehrvorzubereiten. Die Unterstützung durch einen Ausfall der Garnison ,auf die Kamenskoi gerechnet hatte, blieb aus, und der Angriffschlug fehl. Sein kleines Truppenkorps war zu schwach, allein diean Zahl überlegenen Belagerer zu durchbrechen. Auch die längsder Nehrung vorgehende Kolonne, die ihren Zeitpunkt zum Ein-greifen auf gut Glück wählte, hatte, obschon sie gleichfalls am15. angriff, keinen Erfolg und ging nach ziemlich belanglosen Ge-fechten wieder zurück. Von nun ab standen beide Entsatzkolonnenbeobachtend still und hinderten die bald hereinbrechende Kata-strophe nicht.

Wohl war das Unternehmen nicht ohne Geschick und Energieangelegt worden; aber dem großen Zwecke, der erreicht werden sollte,entsprach weder die Zahl der in Bewegung gesetzten Streitkräfte,noch überhaupt die gesamte Anstrengung. Nicht ein kleines ab-gezweigtes Korps, sondern die ganze Armee hätte sich aufmachensollen, um Danzig zu retten. Die Gefahr war freilich groß dabei,allein der Preis rechtfertigte das Wagnis, und man entging ihrnicht, wenn man untätig zusah. War Danzig erst einmal gefallen,so wurden die jetzt davor gefesselten 25 000 Mann für den Kaiserverfügbar und seine Überlegenheit im Felde so groß, daß auch hierkeine Hoffnung auf einen Sieg mehr blieb. Wurde Danzig durchdie Verbündeten befreit, so ging damit für Napoleon aller Wahr-scheinlichkeit nach die Weichsellinie verloren. Er mußte denRückzug fortsetzen, und der erste große und ernsthafte Erfolg hättemöglicherweise Österreich dazu bestimmt, sich auf die Seite seinerFeinde zu stellen. Auch England wäre zu schnellerem und kräftigeremHandeln angeregt worden. Eine ganz neue Kriegslage konnteentstehen.

Aber leider beurteilten weder die verbündeten Monarchen nochBennigsen diese wichtigen Umstände mit voller Klarheit. DerOberbefehlshaber fühlte nur heraus, daß er zugunsten der be-drängten Festung irgend etwas tun müsse. Er beschloß, mit sechsseiner Divisionen das Korps Ney bei Guttstadt anzugreifen, währendPlatow mit den Kasaken den Marschall Davout bei Allenstein festhalten und auch die weiter südlich bis zum Narew hin stehendenTruppen sich regen und die Franzosen wegen ihres Rückzuges be-sorgt machen sollten. Die Monarchen begaben sich zur Armee,um dem Angriff beizuwohnen, der am 13. Mai eingeleitet wurde,