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II. Der Krieg von 1L06 und 1807
gewinnen; die Masse aber schob sich an einer Furt nahe dem GuteKloschenen zusammen und ward hier noch von dem französischenlinken Flügel, der durch Lannes und die Füsiliere der Garde ver-stärkt worden war, hart bedrängt. Zahlreiche Mannschaften er-tranken. Die hereinbrechende Dunkelheit allein machte es demgrößeren Teile der russischen Artillerie und Kavallerie möglich,am linken Ufer flußabwärts zu entkommen und die Armee amanderen Morgen über Allenburg zu erreichen.
Fast schlimmer noch, als die furchtbare Niederlage selbst, warendie Folgen. Drei Nachtmärsche hatte die Armee seit Heilsberghinter sich. Unter dem Eindrucke der verlorenen Schlacht begannjetzt der vierte und mußte auflösend wirken. Da der Rückzug un-aufhaltsam bis zur Memel bei Tilsit ging, ist die in der Schlachtselbst erlittene Einbuße schwer festzustellen. Sie mag im ganzengewiß an 18—20 000 Mann betragen haben; der französischeVerlust kann auf 8000 Mann beziffert werden.
Die große entscheidende Schlacht, endend mit Vernichtung desFeindes, die Napoleon seit seinem Eintreffen an der Weichsel imDezember des verflossenen Jahres herbeigesehnt hatte, war nungeschlagen. Triumphierend schrieb er seiner Gemahlin, daß Fried-land ebenso berühmt werden würde als Marengo. Ein wesentlichesVerdienst maß er Senarmont und seinen Batterien zu. Mit ge-wohnter Übertreibung sprach er davon, daß die ganze russischeArmee in wilder Flucht sei, daß er 30 000 Gefangene und80 Kanonen erbeutet habe, daß 2S russische Generale tot, verwundetoder gefangen wären.
Eigentümlich hatte es das Schicksal gefügt, daß ihm der große
Erfolg hier durch einen Zufall gewährt wurde, während er ihm
am Narew, bei Johnkendorf, bei Eylau und Heilsberg, wo er sich
ihm so nahe geglaubt hatte, versagt blieb. Sein Verdienst ist es,
die unerwartete Gelegenheit mit Meisterschaft benutzt zu haben.
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Das russische Heer wälzte sich die Nacht hindurch in wirremDurcheinander Wehlau und dem Pregel entgegen. Tausende, vonHunger getrieben, verließen seine Reihen. Jegliche Fürsorge fürdie Truppe fehlte. Anfangs dachte General v. Bennigsen, diePregellinie halten, dort L'Estocq die Hand reichen und die nochim Anmarsch befindlichen Verstärkungen abwarten zu können. Der