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II. Der Krieg von 1806 und 1807
schattenlose nordbulgarische Hügelland. Darum ging die Bewegungin Ordnung und ohne den geringsten Nachteil vonstatten. Woaber der Nachtmarsch das Ergebnis von Kopflosigkeit und Furchtder Führung ist, wie auf Hohenlohes Rückzug nach Prenzlau oderhier bei Bennigsen, da fühlt die Truppe es heraus, und Mangelan Vertrauen, Unzufriedenheit und Mutlosigkeit greifen wie eineSeuche um sich. Sie entnerven die Mannschaft, und der schmäh-liche Gedanke, das sinkende Schiff zu verlassen, um sich selbst zuretten, schleicht sich in das Herz der Soldaten ein.
„Das preußische Armeekorps hätte die blutigste Schlacht liefernkönnen und würde nicht so viel Menschen verloren haben, als esdurch die forcierten Märsche auf dem Rückzug von Königsbergnach Tilsit verlor. Seine Bataillone schmolzen hier zum Teilbis zur Hälfte. Ebendies war der Fall mit der russischen Haupt-'armee" — schrieb Scharnhorst damals nieder, und seine Wortesind eine beherzigenswerte Mahnung.
Als L'Estocq am 17. um 7 Uhr früh bei Mehlaukeu eintraf,fand er das russische Heer schon in der Fortsetzung des Rückzugesbegriffen. Um 8 Uhr langte die Kavallerie, gegen Mittag dieInfanterie an. Tausende waren vor Hunger und Müdigkeit liegengeblieben. Nachmittags um 4 Uhr folgte die Nachhut, und nunging es weiter. Die Verfolgung, die sich anfangs über Labiau fühlbar gemacht hatte, hörte ganz auf, nachdem das zusammen-geschmolzene preußische Füsilierbataillon v. Wakenitz die nach-setzenden französischen Reiter kräftig abgewiesen hatte.
In der Nacht zum 18. Juni vereinigte sich die verbündeteArmee noch einmal; aber sie hatte nicht mehr die Kraft, Ernst-haftes gegen den Feind zu unternehmen; soweit war sie durch denüberstürzten Rückzug, durch Mangel und Übermüdung gekommen.Am 18. und 19. gingen ihre Trümmer bei Tilsit hinter denMemelstrom. Dort nahmen die Russen oberhalb, die Preußen unterhalb Quartier, als kein französischer Angriff mehr drohte.
Auch die fast vergessene und im Stiche gelassene Abteilung,welche die Frische Nehrung gehalten hatte, fand sich bei der Armeeein. Ihre Infanterie erreichte am 17. Juni zu Schiff Memel und wurde zum Schutze des Königlichen Hauptquartiers auf derKurischen Nehrung bis Schwarzort vorgeschoben. Die Kavallerieschlug sich von Pillau aus durch und schloß sich ihr am 18.wieder an.