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III. Die Wiedererhebung
regeln durchzuführen, war schier unmöglich gewesen. Zur eigenenTätigkeit und selbständigen Verantwortung war das Volk niemalsangeleitet, ja davon zurückgehalten worden. Stein hatte vor demKriege in seinem hohen westfälischen Beamtenposten die Selbstverwal-tung kennen und würdigen gelernt. Er sah mit Recht die Rettungdes Staates in der Erweckung selbständigen Geistes und nationalerGesinnung. Es kam ihm dabei zustatten, daß er ein Reichsdeutscherwar, weder abhängig von der Tradition Preußens noch Österreichs ,so daß er die neuen Zustände, die da kommen sollten, mit freieremBlicke übersah. Dies erleichterte ihm die Arbeit an seinen großenEntwürfen. Nach kurzen Zweifeln übertrug der König ihm dieLeitung der gesamten inneren Verwaltung, den Vorsitz im Departe-ment des Auswärtigen und ebenso Sitz und Stimme bei derWiedererrichtung des Heeres. Er wurde in der Tat, wenn auchnicht dem Namen nach, Premierminister. Nur etwa 14 Monateist der merkwürdige Mann in seiner Stellung verblieben. Er hatnicht viel mehr vermocht, als den Samen für die künftige Blütedes neu belebten preußischen Staates zu streuen, und doch gehörtdiese kurze Zeitspanne zu dessen größten Epochen.
Mancherlei nützliche Vorarbeit fand er freilich schon getan.So hatte der Minister für Ost-, West- und Neu-Ostpreußen,Freiherr v. Schrötter, die Entwürfe für die Aufhebung der Erb-untertänigkeit und der Beschränkung im Grunderwerb, für dieAbschaffung der Zünfte, des Fabrikzwanges und der Einfuhrverbotebereits vollendet. Auch an der Städteordnung und der Neugestaltungder ländlichen Verwaltung hatte er gearbeitet. Er blieb Steinswirksamster Mitarbeiter, bis er bei der Auflösung der altenProvinzialdepartements aus dem Staatsdienste schied.
Die Jmmediatkommissionen, die vor dem Kriege bestanden,wurden jetzt mit besserem Erfolge wieder zusammenberufen. In derfür die Zivilverwaltung tätigen wirkte Theodor v. Schön, derDoktrinär des Neuen, mit. Hardenberg nahm von Riga aus durchseine Ratschläge teil. Vor allem mußte für die materielle Hebungdes mit einem Schlage verarmten und daniederliegenden Landesgesorgt werden. Die Hauptquelle für die Staatskraft lag noch imAckerbau. Ihn von beengenden Schranken nach Möglichkeit zubefreien und ihm die Bahnen zu höherer Entwickelung zu eröffnen,war zunächst das wichtigste. Ein königliches Edikt vom 9. Oktoberverkündete daher die Aufhebung der Erbuntertänigkeit zu Martini