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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Äußerer Wiederaufbau des Heeres

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schaffung des übermäßigen Trosses, Neugestaltung der Artillerie,Fortfall der Regimentsgeschütze, Verschwinden der unausgebildetenKnechte aus dem Heere, und endlich die veränderte Fechtweise derArmee, wie sie schon durch die Osteroder Verordnungen des Königsangebahnt worden war. Die alte starre Phalanx mit ihren dieGeister bindenden und jede selbständige Tätigkeit des unterenFührers vernichtenden Exerzierformen, die man ehemals so sehrbewundert hatte, wurde zerbrochen. Wie Stein im politischenLeben des Volkes die Mitwirkung aller brauchbaren Kräfte für dasStaatswohl hatte heranziehen wollen, so sollten auch künftig imKriege alle tüchtigen Köpfe und Charaktere zur Erringung desSieges nutzbar gemacht werden. Das Jnfanteriereglement von1812, in dem die Brigade als größter, noch einheitlich bewegterVerband erschien, gab diesem Grundgedanken Ausdruck.

Nicht minder schwierig als die Durchführung der neuen Ideenin der Heeresverfassnng war der äußere Wiederaufbau der Armee.Der Krieg hatte von dieser nur Trümmer übrig gelassen. So be-standen von den 58 stolzen Jnfanterieregimentern der alten Armeebeim Tilsiter Friedensschlüsse nur noch 8. Dazu kamen einigeFüsilier- und Musketierbataillone, die neu gebildeten Reservebatailloneund was bei Kolberg und in Schlesien aus Resten, entkommenenGefangenen und Freiwilligen gebildet worden war. Ähnlich sahes bei der Kavallerie aus. Die Artillerie war bis auf eine geringeAnzahl von Feldbatterien völlig verschwunden. Technische Truppenfanden sich nur in ganz geringem Maße in den noch behauptetenFestungen vor.

Nun mußten sogleich die aus den abgetretenen Provinzen,d. h. der einen Hälfte der ehemaligen Monarchie, stammenden Mann-schaften entlassen werden. Im größten Teil des übrigen Gebietesstand der Feind. Geld war nicht vorhanden. Es fehlte an Waffenund Kriegsmaterial. Und dennoch gelang das Werk, das mit un-glaublicher Zähigkeit von Scharnhorst und den Seinigen in Angriffgenommen wurde. Bis zum Ende des Jahres 1808 war es ge-lungen, das verkleinerte Heer in seinen Verbänden wohlgeordnetaufzustellen. Bis zum Jahre 1311 erfuhr es dann nur nochgeringe Vermehrungen, je nachdem die französischen Bedrücker ausden heimatlichen Gefilden abzogen. Es bestand aus 46 Bataillonen,73 Eskadrons, 4S Artilleriekompagnien mit 168 Feldgeschützenund 3 Pionierkompagnien. Das Ganze gliederte sich in 6 gemischte

Frhr. v. d. Goltz, Kriegsgeschichte 13