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III. Die Wiedererhebung
Clausewitz ' und seiner Freunde edle Begeisterung waren im Augen-blick gleichberechtigt. Die erste hat es dazu geführt, daß die Zeitheranreifen konnte, in der die zweite sich erfolgreich zum Heiledes Vaterlandes zu betätigen vermochte.
5. Der Feldzug in Aurland
(S. Skizze 13.)
Inzwischen war die große Armee, die diesmal ihren Namenauch nach modernen Begriffen mit Recht verdiente, über die Oderzur Weichsel vorgegangen und dort zwischen Pulawy und Danzig aufmarschiert. Sie verstand es, die Kosten beim Rückzüge ein-gerechnet, aus dem erschöpften Lande noch die Werte von etwa300 Millionen Franken an Leistungen herauszuziehen. Im Ostenzumal wurde alles Vieh und Angespann sortgetrieben. Um etwafünf bis sechs Millionen Franken jährlich zu sparen, war einst vor1806 die zeitgemäße Reform des preußischen Heeres unterblieben.
Im ganzen entwickelten sich am Weichselstrome und vorwärtsdavon 450 000 Mann mit 1200 Geschützen. Links vorgeschobenstand von dieser Macht das preußische Hilfskorps bei Königsberg,rechts das österreichische bei Lemberg. Des Kaisers erstes Zielwar ein rascher Vorstoß auf Wilna , um den Feind inmitten seinerVorbereitungen zu treffen.
Die Russen versammelten eine erste Armee bei Wilna , diezweite bei Wolkowisk und eine dritte weiter südlich bei Luzk . IhreStärke ist im ganzen auf 193 000 Mann mit 900 Geschützen zu be-rechnen. Ihr Plan war es anfänglich, mit derjenigen der beiden erstenArmeen, welche von Napoleon angegriffen wurde, standzuhalten,mit der anderen ihm in Rücken und Flanke zu fallen. DieserPlan indes erwies sich bei des Kaisers großer Überlegenheit baldals undurchführbar, und es wurde daraus, zwar nicht freiwilliggewählt, wohl aber durch die Macht der Umstände herbeigeführt,ein systematischer Rückzug ins Innere des Reiches. So entstanddie später als wohlüberlegt so vielgerühmte Ermattungsstrategie.
Am 9. Mai 1812 verließ Napoleon Paris, ging nach Dresden und hielt dort bis zum 29. einen glänzenden Hof. Dann eilte ernach Thorn, um von da aus die Befehle zum Vormarsch an diegroße Armee zu geben.