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IV. Die Befreiungskriege
eigenem Antriebe zuschicken werde; der Vizekönig wieder und ebensoLauriston warteten auf einen Befehl des Kaisers. Ähnliches hatteauch Friedrich der Große von seinen Unterführern erfahren. MoltkesVerdienst bestand darin, die Selbsttätigkeit seiner Untergebenen aufshöchste zu entwickeln, und er dachte groß genug, um auch mitihren Fehlern zu rechnen. So hat er sich von ihnen die trefflichsteUnterstützung gesichert.
Napoleon befand sich am Morgen bei Ney und spähte nachSüdosten aus. Als es 10 Uhr geworden, glaubte er an keinenAngriff der Verbündeten mehr. Er konnte nicht wissen, daß dieseihre Zeit mit dem Aufmarsche verloren hatten. Der Marschallbestätigte ihn in seiner Auffassung, und beide eilten mit der Garde-kavallerie nach Markranstädt, um Lauristons Kampf bei Leipzig zubeobachten, von wo sich der Kanonendonner hören ließ. Dort ersterhielt Napoleon die überraschende Meldung, daß die Verbündetenim Anmärsche von Pegau auf Groß-Görschen wären. Bald hobder von halb rückwärts her erschallende Kanonendonner jeglichenZweifel. Ney eilte zu seinen Truppen voraus. Es ist ihm wohlklar geworden, daß er unachtsam gewesen sei und seine Reitereinicht richtig zur Aufklärung benutzt habe.
Da, wo der Floßgraben in der Mitte seines Laufes südlichMarkranstädt eine scharfe Biegung nach Westen macht, liegen anseinem linken Ufer die vier Dörfer Groß- und Klein-Görschenöstlich, Rahna und Caja westlich nahe beieinander, eine Viertelmeilewestlich dieser Dörfergruppe die langgestreckten Häuserreihen vonStarrsiedel inmitten freier Felder. Das ist das Hauptschlachtfelddieses blutigen Tages.
Nach kurzem Besinnen gab der Kaiser noch bei Markranstädt seine Befehle aus. Ney sollte mit seinen 40000 Mann die vierDörfer halten, Bertrand von Taucha heranrücken, die Garden nachLützen. Marmont wurde im Vormarsch von Rippach auf Pegau angenommen, so daß er ohne weiteres auf die Verbündeten stoßenmußte. Des Vizekönigs Armee sollte bei Markranstädt warten,um entweder auf das Schlachtfeld zu eilen oder den feindlichenrechten Flügel von Norden her zu umfassen. Napoleon , gefolgt vonder Gardekavallerie, begab sich sodann im schnellen Galopp aufdas Schlachtfeld, wo er um 2 Uhr nachmittags hinter Caja eintrafund den Kampf in vollem Gange fand. Was war hier inzwischenvorgefallen?