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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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VI. Die Befreiungskriege

Des Kaisers Heer bei Dresden bestand aus der Garde, den Korpsvon Bertrand, Marmont, Macdonald und Oudinot sowie demstarken ersten Kavalleriekorps. Es zählte um diese Zeit 92 000Mann Infanterie, 14 000 Reiter und 360 Geschütze. Ney beiTorgau befehligte außer dem eigenen Korps noch die von Lau-riston, Reynier und Victor sowie das zweite Kavalleriekorps,73000 Mann Infanterie, 5600 Reiter und 200 Geschütze.

Am 15. Mai traf Macdonald vor Bautzen ein. Die übrigenKorps von des Kaisers Heer reichten noch bis Dresden zurück.Ney war zwischen Luckau und Wittenberg angekommen. So hattesich das französische Heer über einen weiten Raum hin ausgedehnt.Es scheint, daß der Kaiser die so oft von ihm betonte Regel, daßman sich an jedem Tage vorstellen müsse, vom Feinde angegriffenzu werden, ohne in Verlegenheit zu geraten, diesmal selbst außer achtgelasseu hatte. Wenn die Verbündeten damals mit der vereinigtenKraft einen schnellen Vorstoß in der Richtung auf Dresden unter-nommen, so hätte ein großer Erfolg ihnen kaum entgehen können.Der ihnen gegenüberstehende Kaiser verfügte nur über die gleiche An-zahl Truppen wie sie, und die ihren waren bei weitem besser.Aber so kühne Entwürfe und schnelle Entschlüsse konnteil schondeshalb in ihrem Hauptquartier uicht keimen, weil in dem Ober-befehl noch die alte Unklarheit herrschte. Wittgenstein hing vonZar Alexander ab; dieser mischte sich in die Führung, ohne dieVerantwortung zu übernehmen; Barclay, Miloradowitsch undandere Generale standen an Dienstalter vor Wittgenstein. Auchhier wieder war es eine Art von Kongreß, der die Armee leitete.Alle Entscheidungen wurden nur nach längerem Meinungsstreitegefällt. Die Armee blieb in ihrer Stellung hinter Bautzen stehen;die Schlacht sollte gewagt, aber der Angriff des Feindes abgewartetwerden. Mehr traute mau sich noch nicht zu.

In den folgenden Tagen schoben sich die Korps von Napoleons Armee näher an Bautzen heran, Ney erhielt die Richtung gegenSüdost. So benutzte der Kaiser die Untätigkeit feiner Gegner, umseine ganze Macht zur Schlacht heranzubringen. Ein gleichzeitigerAngriff aus zwei Richtungen, wie er bei Königgrätz am 3. Juli1866 geschah, sollte damals hier an der Spree den Verteidigervernichten. Das war in Napoleons Schlachtenführung eine Aus-nahme, die den Verlauf der Schlacht von Bautzen besondersmerkwürdig macht.