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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Stimmungen und Pläne der Verbündeten

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sie im Andenken der Revolutionskriege lebte, herrschten ganz über-triebene Vorstellungen. Daß Napoleons Aufgebote weit wenigerMannschaften lieferten, als er gerechnet hatte, daß es ihm an Waffenund Ausrüstung mangelte und sein schwaches Heer von Krankheitenarg gelichtet wurde, war nicht in vollem Umfange bekannt. Blüchersund Gneisenaus Drängen zu unmittelbarer Fortsetzung des Feld-zuges galt als die Unbesonnenheit von Heißspornen, denen die gründ-liche Kenntnis der Verhältnisse und deren weise Abwägung fehlte.

Dazu kam die Verschiedenheit der politischen Ziele. Öster-reich hätte am liebsten einen schnellen Frieden gesehen. KaiserAlexanders Pläne zur Wiederherstellung eines mit Nußland durchPersonalunion verbundenen Großpolen schienen den Wiener Staats-männern bedenklich, der Geist, der sich im preußischen Volke regte,gefährlich und dessen Verlangen nach der Erwerbung Sachsenshöchst verdächtig. Auf Wiedereroberung der ehemaligen niederlän-dischen und elsässischen Besitzungen legte man in Osterreich keinenWert mehr, da sie durch Verzichtleistungen im Osten hätten bezahltwerden müssen, zumal durch den Verzicht auf Galizien . Mit derKaisertochter Marie Luise hätte man gern auch den Kaiser aufdem Throne erhalten.

Kaiser Alexander wollte den großen Gegner stürzen und ihnauf dem Throne Frankreichs durch Bernadotte ersetzen. England beabsichtigte dorthin die Bourbonen zurückzuführen, die Niederlande wiederherzustellen und über die Scheldemündungen auszudehnen,um sie Frankreich zu entziehen. In Deutschland sollte ein starkesWelsenreich an der Nordsee entstehen. Seinen Lohn hatte England in der Wegnahme der meisten französischen und holländischen Ko-lonien bereits im voraus eingeheimst.

Preußen allein dachte vornehmlich an die Erfüllung seinergroßen militärischen Aufgabe; in der Politik trat es mit be-stimmten Ansprüchen noch nicht hervor. Die Politik wird aber,zumal bei einem Mächtebündnis, stets ihren Einfluß auf die Krieg-führung üben, und der war hier kein fördernder.

Aus den Widersprüchen und Halbheiten ging nach langenVerhandlungen der Entschluß hervor, die Franzosen durch dieschlesische Armee am Rheine zu beschäftigen, Bülows Angriff gegendie linke Flanke nach und nach durch alle abkömmlichen Teile derNordarmee zu verstärken, mit der Hauptarmee aber durch dieSchweiz südlich auszubiegen und das Plateau von Langres zu

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