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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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IV. Die Befreiungskriege

keit in der Auffassung der augenblicklichen Lage, das Zögern imEntschluß und im Handeln und der Mangel an Rastlosigkeit imDurchführen seiner Gedanken hatten den Kaiser um den Sieg ge-bracht, wie einst das Gegenteil aller dieser Schwächen dem jugend-lichen Bonaparte, bei seinem ersten Feldzuge 1796, die über-raschenden Erfolge sicherte.

Marschall Ney hatte seine Angriffe am 17. Juni in der Frühenicht sogleich wiederholt und daran gut getan. Je länger Wellingtonbei Quatre-Bras stehen blieb, desto wirksamer mußte das Ein-greifen des Kaisers mit den herankommenden Truppen gegen seinelinke Flanke werden. Erst auf den abermaligen Befehl Napoleons ging der Marschall wieder vor. Doch Wellington war bereits um10 Uhr vormittags seiner gefährlichen Lage inne geworden undhatte den Abmarsch eingeleitet. Als Napoleon um 2 Uhr bei Neyeintraf, befand sich das englisch -niederländische Heer im vollenRückzüge. Es machte erst gegen Abend in einer guten Stellungvorwärts von Mont St. Jean, etwa 20 Kilometer südlich vonBrüssel, Halt. Der Kaiser erkannte beim Nachfolgen, daß er dortstarke Kräfte vor sich habe und verschob den Angriff auf den 18.früh. Seine Truppen verblieben bei Plancenoit auf 3000 MeterEntfernung dem Feinde gegenüber; er selbst nahm sein Haupt-quartier im Pachthofe Le Caillou.

In der Nacht um 1 Uhr erkundete er, nur von seinem Groß-marschall begleitet, in Person zu Fuß noch einmal die gegnerischeAufstellung, nahm ausgedehnte Wachtfeuer wahr und schloß darausauf die Anwesenheit der ganzen Armee Wellingtons. Diese Wahr-nehmung erfüllte ihn mit Freude; denn sie bestätigte, was erwünschte. Er glaubte sich der Beute und des Sieges gewiß. MitBezug auf Blüchers Herankommen wiegte er sich in vollständigeSorglosigkeit, obschon noch in der Nacht eine Meldung des um2 Uhr nachmittags vom Schlachtfelde von Ligny aufgebrochenenMarschall Grouchy eintraf, daß er noch nicht habe feststellenkönnen, ob Blücher auf Wavre oder auf Namur abmarschiert sei.Daß eine große geschlagene Armee schon am zweiten Tage nachihrer Niederlage erneut auf dem Kampfplatz erschien, war kriegs-geschichtlich etwas so Ungewöhnliches, daß selbst der Kaiser es nichtannahm. Und dennoch war Wellington gerade deshalb bei MontSt. Jean stehen geblieben, weil Blücher ihm sein Eintreffen zurEntscheidung auf das bestimmteste zugesagt hatte. Noch aber konnte