Druckschrift 
4 (1896) Politische Schriften von 1868 bis 1878
Entstehung
Seite
115
Einzelbild herunterladen
 
  

115

verteilt worden. Mit dem Frührot des 18. stürmte HerrMoritz Mohl , der rastlose Anführer der Schutzzöllner,Sonderbündler und Preußensresser, bereits das Sekretariat,um sich als Redner dagegen einzuschreiben. Hinter ihmher, mit fliegenden Fahnen aus Württemberg und Baiern,

Politik den Anlaß zur Erhebung der Jnkompetenzeinrede liefern werdeund hatte dies schon acht Tage vorher in der Debatte angekündigt.So sollte es kommen, und das war gerade, was ich wünschte. Diesog, Trank- und Zapfgebühr war in Rheinhessen von jeher das Lieblings-kind aller Opposition gegen Darmstadt , weil sie beim Volke über allesverhaßt war. Sie von der Partikularistischen Strömung im Zoll-parlament in Schutz genommen zu sehen, paßte mir daher ausgezeichnetgut. Die Debatte gab zugleich Gelegenheit, die barocken Zustände desdurch die Mainlinie entzweigeschnittenen Großherzogtums zu beleuchtenund das Ministerium Dalwigk zu necken. Kaum hatte ich meinenAntrag motiviert, als auch der Sturm losbrach. Der Urtypus desschwäbischen Partikularismus, Moritz Mohl , folgte mir auf der Tri-büne mit der Einrede, daß das Zollparlament kein Recht habe, sich indie inneren Angelegenheiten des Großherzogtums zu mischen. Dannfolgte der Vertreter Hessens im Bundesrat, Hofmann, der späterDelbrücks Nachfolger wurde, damals aber seiner Instruktion zufolge dieJnkompetenzeinrede erheben mußte. Dies brachte den Grafen Bismarckin seiner damaligen Eigenschaft als Präsident des Zollbundesratszum Eingreifen m die Debatte. Er widersprach dem Darmstädter Kollegen und erklärte sich für meinen Antrag. Dreimal nahm er dasWort, das letztemal mit einem Nachdruck, der mit einer später oftzitierten Wendung abschloß. Der schwäbisch-ultramontane AbgeordneteProbst hatte nämlich in scharfer Abwehr gegen meinen Antrag zuletztauch darauf angespielt, daß eine Kompetenzerweiterunq des Zollparla-mcnts Feindseligkeit von Seiten Frankreichs heraufbeschwören könnte.Darauf antwortete nun Bismarck mit den bekannten Worten:DemVorredner und allen, welche dasselbe Thema mit ihm behandeln, gebeich zu bedenken, daß ein Appell an die Furcht m deutschen Herzenniemals ein Echo findet." Damit war die Verhandlung sofort aufihren Höhepunkt gebracht. Alle Parteien für und gegen schickten ihreFührer ins Treffen, von Links und Rechts meldeten sich die Gegnerder Einigung unter Preußens Vormacht. Windthorst hielt seine einzigeRede in dieser Session. Liebknecht, noch nicht als Sozialist sondern einfachals Demokrat, dann auch Bebel, sprachen gegen die Annahme. Lasker,Löwe-Calbe , Camphausen, Wagener (von der Kreuzzeitung! antwortetenjenen. Zuletzt hielt Völk seine Jungfernrede, durch die er berühmtwurde, mit dem Refrain:Es ist Frühling geworden in Deutschland ."Unter dem Eindruck derselben wurde der Antrag mitsehr überwiegenderMehrheit" angenommen. Es war der erste Sieg der unitarischenTendenz, der ümsomehr Sensation erregte, als er die Niederlage beider vereitelten Adresse wieder gut machte.

8-