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Einleitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie, und Abhandlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde / von Carl Ritter
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Ueber das historische Element

sie durch weise Vertheilung der flüssigen durch die seste Form,durch Bewässerung, sich die monumcntcnrcichstc Kulturlandschafterschufen. Durch die Trägheit und Tyrannei späterer Bewohner,bis zur Osmanenherrschaft, sank ein Theil des Thales, wie dieThebais, wieder zurück in die Wüstenei, oder ward, wie die reicheMareotis, zu Sumpflandschaften. So gingen überall Wechsel derhorizontalen Oberflächen vieler Länderbreiten vor sich, durch welchenicht nur ihre eigenen Räume sich umwandelten, sondern auch ihreNachbarräume veränderte Weltstellungen erhalten mußten, in Be-ziehung auf Hemmung oder Coutakt und jede,Art raumerfüllenderBewegung, hinauf bis zum gesteigertesten Völker- und Handels-verkehr.

Gewissen rigiden Erdformen muß man solche veränderte Ein-flüsse nicht nur auf kurze Länderstreckcn, sondern auf weite Erd-breiten einräumen. So z. B. war in den ersten Saeculn nachChristi Geburt der kultivirte Süden Europa's von dem noch un-kultivirtcn keltischen und germanischen Norden durch eine großenatürliche Scheidewand getrennt, durch das undurchbrochne, un-wegsame Hochgebirge des Alpenzugcs, der ganz Mitteleuropa vomWesten nach dem Osten durchsetzt. Ihm im Süden lagen dieKulturstaaten der Alten Welt; mit seinen Nordgchängen begann derbarbarische Norden. Aber diese Form einer durch die Natur selbsthoch emporgerichteten Scheidewand, damals ihrer eigenen Quartierewie der Völkergebiete, ist durch die Hälfte des letzten Jahrtausendsgeschwunden; sie ist in dem letzten Jahrhundert aus einer früherhemmenden Form durch Naturschönheit und Zugänglichkeit zu einemallgemeinen Lande der Völkcranziehnng für ganz Europa gewor-den. Aus der Mitte derselben hat sich, aus ehemaliger Wildniß,eine ganze Reihe kultivirtcr Völker und Staaten von der Provence bis Stepermark historisch herausgebildet, die tiefsten Thalschlünde,die größten Höhen sind dicht bevölkert, mit der Lichtung sind dieWälder geschwunden, alle Thäler und alle Ketten sind durchgeh-bar, selbst für Lasten bequem und nach fast allen Richtungen hinüberfahrbar geworden. Aus der Hemmung zwischeu dem Südenund Norden, wie zu Hannibals und Cäsars Zeiten, ist dort nach