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Einleitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie, und Abhandlungen zur Begründung einer mehr wissenschaftlichen Behandlung der Erdkunde / von Carl Ritter
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208 Ueber räumliche Anordnungen auf der Außenseite des Erdballs

noch für dessen Dimension nach Höhe und Tiefe, und noch weni-ger nach seinen Functionen.

Die Werke der Natur zeigen jedoch im Gegensatze der mensch-lichen Kunst den charakteristischen Unterschied, daß, wenn diese auchden höchsten Stempel der Vollendung in sich zu tragen scheinen,symmetrisch, schön, anpassend, bis in daS kleinste geregelt sich zei-gen, doch bei genauerer Untersuchung der innere organische Zu-sammenhang fehlt, und mikroskopisch untersucht, die größte Rohheitihrer Composition sich immer mehr und mehr herausstellt, sei esdas feinste Gewebe, das eleganteste Uhrwerk, das in schönsterHarmonie sich zeigende Gemälde, die glätteste Politur der Mar-mor- oder Metallfläche. Dagegen löst sich die scheinbare Un-symmetrie, Ordnuugslosigkeit, chaotisch auftretende Außenseite derWerke der Natur, je tiefer die Betrachtung, die Forschung, selbstdie mikroskopische Untersuchung eindringt, in immer feinere Ele-mente und Organisationen auf, sei es im feinsten Faden desSpinnennetzes, dem bewundernswürdigen Baue der Pflanzenzellen,dem Geäder der thierischen Organismen, oder in den krystallini-schen Formen oder Blätterdurchgängen der unorganischen, fast un-sichtbar für das unbewaffnete Auge gewordcuen Krystallisationenund Moleculen. Aber nicht blos nach der materiellen Feinheit,auch nach der geistigen Größe der Construction und ihrer Func-tioncn findet dieser Gegensatz statt, wie die physiologische Forschunglehrt, die überall auf zusammenhängende Wirkungen der Natur-kräfte, auf Systeme und ihre Naturgesetze geführt hat, denen dieWissenschaften der Chemie, Physik, Optik, Mechanik und viele an-dere erst ihr Dasein verdanken.

Sollte dieser Gegensatz bei dem größten der uns näher be-kannt gewordenen Naturkörper, unserm Planeten, und wären wirauch nur mit seiner äußerlichsten Oberfläche und auch mit dieserfürs erste nur noch ganz oberflächlich bekannt, nicht stattfinden?und diese, wie durch blinde Naturgcwalt wild zerrissen erschei-nende Außenseite blos einer zufälligen system- und zwecklosen,chaotisch wirkenden neptunischen und Plutonischen Dictatur undgegenseitig sich nur zufällig bedingenden Gewalt ihre gegen-