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Der Getreidehandel in der Provinz Posen / von Władysław Hedinger
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auf 0 sank, eine bis dahin in keiner östlichen Provinzbeobachtete Erscheinung. Bei der Verschärfung des nationalenGegensatzes herrscht das Bestreben, Zwangsversteigerungenzu vermeiden, da sich dabei nicht voraussehen lässt, inwessen Hand das Gut gelangen wird. 1 ) In ähnlicher Weisebewegte sich im Ansiedlungsgebiet die Zahl der Subhastationengrossbäuerlicher Güter von 50200 ha. Am wenigstenberührt von diesen ganzen Entwickelung sind die Besitzungenvon 550 ha.

Anderseits aber darf nicht übersehen werden, dass inden Ansiedlungsprovinzen besonders hervortretende Ver-minderung der Zahl der Zwangsversteigerungen nicht sosehr zurückgeht auf eine innere Kräftigung der Wirtschaften(erhöhte Ergiebigkeit des Betriebes) wie auf die Möglichkeitmit den steigenden Preisen einen neuen Konsumptivkreditaufzunehmen, um sich auf diese Weise über Wasser zu halten.

Diesen Konsumptivkredit, der meist nicht durch Unter-lagen (Hypotheken, Wertpapiere usw.) gesichert, sondernreiner Personalkredit ist, liefert in der Regel der Getreide-handel. Es ist charakteristisch für die Provinz Posen ,welches Vertrauen alle Schichten zu dem ländlichen Grund-besitz haben, und wie alles auf den weiteren Fortgang derAnsiedlungs- und Zollpolitik fest vertraut und von derStetigkeit der Höhe der Güterpreise überzeugt ist.

Wen man auch über die Kreditwürdigkeit einesLandwirts fragt, überall hört man die Antwort:Die Land-wirte sind heute alle gut.

Die Landwirte waren auch nicht säumig, diesesVertrauen für sich auszunutzen. Ihre Stellung dem Getreide-hündler gegenüber wurde viel sicherer und mit derschwindenden finanziellen Abhängigkeit verringerte sich vonJahr zu Jahr die Bedeutung des Getreidehändlers alsBanquier. Wo der Getreidehändler früher über den Land-wirt durch die finanziele Macht sozusagen disponierenkonnte, ist jetzt der Landwirt der Stärkere geworden. Um

') Die Abnahme der Zwangsversteigerungen der grossenund grossbäuerlichen Güter ist für die Landeskultur vorteilhaft.Denn dem landwirtschaftlichen Zusammenbruch eines Gutes gehtin der Regel eine längere Zeit wenig sachgemässer Wirtschaft voraus.