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1 (1930) Vom Staatssekretariat bis zur Marokkokrise
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DER DURCHSCHNITTSDEUTSCHE

als sein großer Ahn Karl August, aber mit hohem Sinn und mit der gleichenAchtung für Geist und wahre Kultur an seinem Teil zur Pflege der Uber-heferungen seines Hauses und seiner Residenz wie zur Festigung und Ver-breitung echter deutscher Bildung beigetragen. Er hatte etwas feierlicheManieren, aber er besaß jenepolitesse du cceur", die im neuen Deutsch-land leider selten geworden ist. Wenn der alte Großherzog den Unglücks-winter erlebt hätte, wo die Nationalversammlung in Weimar tagte, woFritz Ebert dem Genius loci wenig geschmackvolle Ovationen und gleich-zeitig im großherzoglichen Schloßkeller dem Bacchus allzu reichlicheLibationen darbrachte, wo Matthias Erzberger durch Eintrag in das Frem-denbuch eines Wirtshauses den Deutschen als Trost für den VersaillerDiktat- und Schandfrieden Trinken und Lachen empfahl, so würde die Un-kultur jener Tage und die geistige Vulgarität ihrer Matadore den Groß-herzog Karl Alexander sehr betrübt haben.

Die Erwerbung der Karolinen -, Marianen- und Palau-Inseln ging ausVerhand- Unterhandlungen hervor, die ich mit dem ausgezeichneten spanischen Bot-lungen mit schafter in Berlin , Herrn Mendez de Vigo, geführt hatte. Unsere AkquisitionSpanien -^ujiJe von übereifrigen Kolonialpolitikern sofort für ziemlich wertlos er-klärt. Es ist ein alter deutscher Fehler, sich über günstige Schicksals-wendungen nicht ehrlich zu freuen, sondern an solchen herumzustochernund aus dem Glück durch Reflexion ein halbes oder ganzes Unglück zumachen. Bei unglücklichen Ereignissen liebt es dagegen der Durchschnitts-deutsche, zehn, fünfzig, auch hundert Jahre zurückzugreifen, um zunächsteinmal die letzte Ursache eines Unglückswissenschaftlich" festzustellen.Der Deutsche empfindet auf politischem Gebiete nicht natürlich, nicht ein-fach, nicht naiv genug. Seine politischen Gefühle sind oft verbogen undschief, jedenfalls selten spontan. Die kluge Königin Margherita von Italien, die als Tochter einer deutschen Mutter beide Völker kannte, sagte mir vorvielen Jahren:Sehen Sie, wie verschieden Deutsche und Italiener sind:das Gefühlsleben des Italieners ist einfach, er Hebt oder haßt, was sich fürihn gewöhnlich damit deckt, ob er eine Person oder einen Begriff sympathischoder antipathisch findet. Dagegen ist der italienische Verstand gewandtund gelenk, anstellig und geschickt, fein und voll Ressourcen. Er nimmt dieDinge nicht absolut, sondern relativ, sucht nach einem Ausweg und findetauch meist eine ,combinazione', um das scheinbar Unvereinbare zu ver-einen und die Situation zu retten. Der Deutsche ist gerade umgekehrt. AlsVerstandesmensch ist er gar zu oft das, was der Italiener einen ,sempli-ciotto' nennt, oft ein pedantischer, schwerfälliger Doktrinär, der den Waldvor Bäumen nicht sieht; sein Gefühl aber ist unendlicher Modulationenfähig, von der zartesten Liebe bis zur halsstarrigsten Widerspenstigkeit,von der echt deutschen sittlichen Entrüstung bis zur ebenso deutschen