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LETZTER APPELL
Ich möchte Sie auch daran erinnern, daß Sie mir während der Debatte imAbgeordnetenhaus über die Aufhebung des § 2 des Jesuitengesetzes nichtohne Pathos zuriefen: ,Bis hierher, Herr Reichskanzler, aber nicht weiter!Sie sind in Ihrer Nachgiebigkeit, Ihrem Entgegenkommen gegenüber demkatholischen Teil der Bevölkerung bis zur äußersten Grenze des Erträglichengegangen.' So sprachen Sie damals, im März 1904. Ich mache auch heutekein Hehl daraus, daß ich auf katholische Gefühle und Uberzeugungenstets große Rücksicht genommen habe, gerade weil die Katholiken bei unsdie Minderheit bilden. Aber diese meine Rücksichtnahme, meine Achtungund Sympathie für die großen Seiten der katholischen Kirche könnenmeine politische Haltung gegenüber der politischen Zentrumspartei nichtbeeinflussen. Ich kenne das Zentrum besser als Sie, Herr von Heydebrand.Der von Ihnen gewollte Bund mit dem Zentrum wird nicht von langerDauer sein. Im Grunde sind mehr Berührungspunkte zwischen dem Zen-trum und den liberalen Fraktionen als zwischen dem Zentrum und denKonservativen. Der Weg von Erzberger zu Haußmann und Payer, vonBassermann zu Hertling ist kürzer als der von Klein-Tschunkawe zu denmaßgebenden Leuten im Zentrum. Ich will Ihnen voraussagen, wohin IhrBruch mit den Nationalliberalen führen wird: zu jener Koalition Windt-horst-Richter-Grillenberger, die Bismarck in seinen bösen Träumen sah."
Herr von Heydebrand erwiderte: „Hier steht Uberzeugung gegen Über-zeugung, Ansicht gegen Ansicht. Ich glaube die Situation richtiger zu beur-teilen." Ich erinnerte ihn daran, daß er sich in seinen pobtischen Prognosenbisweilen getäuscht hätte. So habe er nach der Reichstagsauflösung am13. Dezember 1906 erklärt, sie werde zu einer schweren Niederlage derRegierung wie der Konservativen führen. Die Sache sei gerade umgekehrtgekommen. Nicht ohne Selbstgefühl meinte Heydebrand: auch er sei nichtunfehlbar. Was er aber mit Bestimmtheit voraussagen könne, wäre, daß dienächsten Wahlen „sehr gut, ja glänzend" für die Konservativen gehenwürden, gerade wenn sie sich von den Liberalen trennten und dem Zentrumnäherten. Ich richtete noch einen letzten Appell an den Führer der Konser-vativen. Ich sagte ihm: „Vom Standpunkt des Politikers ist es natürlichnichts weniger als geschickt, daß ich Ihnen, Normann und Manteuffelgesagt habe, ich würde jetzt nicht auflösen und nicht gegen die Konser-vativen den Wahlkampf führen. Ich bin klug genug, das wohl zu wissen.Ich gelte doch im allgemeinen nicht für dumm oder ungeschickt. Aber ichwill gerade mit den Konservativen nicht finassieren, nicht au plus finspielen. Und vor allem will ich nicht meinen Grundsätzen untreu werden,nicht meiner Überzeugung von dem, was dem Staatswohl frommt, und vondem, was ihm schadet. Eine Auflösung in diesem Augenbhck liegt wederim Interesse des preußischen Staats noch des Deutschen Reichs noch der