Kapitalistische Volkswirtschaft der Phöniker. 19
diesen aber erscheinen die Phöniker als die ersten Kapi-talisten. Die Natur ihres Landes hat sie auf den Handelverwiesen und damit zu dieser Funktion prädestiniert. Allephönikischen Erwerbszweige waren naturnotwendig auf demkapitalistischen Prinzip aufgebaut und von dem kapitalisti-schen Streben nach dem größtmöglichen Gewinn getragen.Begreiflich, daß uns bei den Phönikern auch schon dessenAusartungen begegnen, wie die Schimpfworte zeigen, mitdenen Homer sie eben deshalb bedenkt. Er nennt 1 ) sieDiebe, arglistig, sehr verschlagen, Betrüger, Erzschelmeund dergleichen. Selbst vor Menschenraub schreckten sienicht zurück. Um etwaige Konkurrenten vom Zugang zurHeimat ihrer Monopolwaren abzuschrecken, verbreiteten sieSchauermärchen, die von Alten sogenannten „phönikischenLügen“ und „phönikischen Dichtungen“ 2 ). Dieser Heiß-hunger nach Gewinn, der nicht vor den größten Gefahrenzurückschreckt, ist ihnen durch die Jahrhunderte geblieben.Noch gegen Ende des 4. Jahrhunderts hat der heiligeHieronymus hervorgehoben 3 ), wie Erwerbsgier sie überdie Grenzen des Römerreichs hinaus treibe und nicht Ent-behrungen und Lebensgefahr scheuen lasse, und nach demUntergange der antiken Welt begegnen wir ihnen als denersten Händlern, die sich in das Frankreich der Mero-vinger wagen, um die Luxuswaren des Orients anzubieten.Von ihrem ersten Auftreten in der Geschichte angefangen,erscheinen die Phöniker als die Inkarnation des sogenanntenkapitalistischen Geistes.
1) Odyssee XIV, 288; XV, 416, 419.
2) Vgl. Movers II, 3, S. 104 ff.
3) Comment. ad Ezechiel 27: „Usque hodie permanet inSyris ingenitus negotiationis ardor, qui per totum mundum lucricupiditate discurrunt et tantam mercandi habent nesaniam, utoccupato nunc orbe Romano inter gladios et miserorum necesquaerant divitias et paupertatem periculis fugiant.“
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