Handel und Kapitalismus
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wie denn der durch den Besitz von Kolonien lebendiggehaltene Geist der Eroberung hei allen Völkern stetsrückschrittlich auf die heimische Entwicklung gewirkthat. Die Entstehung einer feudalen Aristokratie inden venezianischen Kolonien führte im Jahre 1297 zueiner erblichen Aristokratie in Venedig, die sich gegendas übrige Volk abschloß. Es entstand die Herrschafteiner starren Oligarchie, welche mit furchtbarer Konse-quenz Adel und Volk, den Ehrgeiz der Vornehmstenwie die freiheitlichen Regungen der Masse im Zaumzu halten wußte.
So war die Entwicklung gerade umgekehrt, wieSomhart behauptet. Er läßt diese Pflanzungen ausder Lehensverfassung herauswachsen und aus ihnenden kapitalistischen Reichtum. Das erstere ist richtig,das zweite falsch. In Venedig war der Kapitalreich-tum zuerst. Er hat ihm schon vor den Kreuzzügeneine dem beweglichen Besitz entsprechende Rechts- undWirtschaftsverfassung gegeben und es reich und mächtiggemacht. Auf Grund, dieses seines Reichtums hat esim vierten Kreuzzug Ländereien im Gebiet des griechi-schen Kaiserreiches erlangt. Und um diese zu halten,führt es die damalige Kriegsverfassung, das Lehens-system, die Kolonisation auf militärischem Wege durchLehensträger ein. Nun werden die Besitzungen in denKolonien nach dem Lehenssystem mittelst Unfreierbewirtschaftet und eventuell die Zufuhr männlicherSklaven zu diesem Zwecke vom Staate prämiiert. DieNobili werden aus Kaufleuten zu Rittern, und dieHeimatverfassung wird unter dem Einfluß der feuda-listisch organisierten Kolonie aristokratisch. WährendSomhart vom Fall des griechischen Kaisertums imJahre 1204 die Entstehung des Kapitalismus datiert,datiert davon das Eindringen des Feudalismus inVenedig. Genau so wie im 19. Jahrhundert der