Judentum und Kapitalismus
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indem er auf die Juden verweist, die als Scheinchristen(Marranos) auf der pyrenäischen Halbinsel gebliebenund erst unter Philipp III. dem Lande verloren ge-gangen seien. Wenn aber ein großer Teil der spanischen und portugiesischen Juden erst während des 16. Jahr-hunderts, namentlich gegen dessen Ende — Philipp III. regierte übrigens von 1598 bis 1621 —, Spanien ver-lassen hat, so kann ihre Vertreibung in den neunzigerJahren des 15. Jahrhunderts nach Somharts eigenerTheorie nicht den nach ihm (freilich nicht in Wirklich-keit) seit 1497 eingetretenen Verfall Spaniens ver-ursacht haben. Was aber soll dann die Heranziehungjener Vertreibung von 1492, 1495 und 1497 ? Undwenn dann später unter Philipp III. die Juden erstwirklich ausgerottet werden, so war der Verfall schonlange vorher eingetreten und aus Ursachen, welche mitder Vertreibung der Juden nicht das Geringste zutun haben.
Aber auch die übrigen angeblichen Belege, welcheSombart in diesem Zusammenhang bringt, erweisensich nur als Staunen erweckende Blendungsversuche.So, wenn er fortfährt: „Das 15. Jahrhundert bringtden Juden die Vertreibung aus den wichtigsten deutschenHandelsstädten: Köln (1424/25), Augsburg (1439/40),Straßburg (1438), Erfurt (1458), Nürnberg (1498/99),Ulm (1499), Regensburg (1519).“ Denn wenn wir vonRegenshurg ahsehen, sind das 15. und die erste Hälftedes 16. Jahrhunderts für alle genannten deutschenStädte die Zeit ihrer höchsten Blüte; Regenshurg aberhatte schon lange vorher seine frühere Bedeutung ver-loren, und warum hat Sombart gar nicht von England gesprochen? Dort sind die Juden schon unter Eduard I. vertrieben worden, und gerade Ende des 14., im 15.und zu Anfang des 16. Jahrhunderts, also gerade zueiner Zeit, wo es dort keine Juden gab, begann dort
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