Druckschrift 
Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
Entstehung
Seite
145
Einzelbild herunterladen
 

145 -

Wenn wir demnach, solange wir hoffen können, dass unserordentliches Budget balanciert, ohne dass wir neue Einkommen-quellen erschliessen müssen, auf neue Steuern verzichten, so stehenwir damit nicht allein in der Welt und unter den Kriegführendenda. Sogar England , das sich in dem ersten Monat des Kriegesstolz zu der guten, alten Tradition bekannte, dass Kriege zu einemerheblichen Teile durch Steuern finanziert werden müssten, hatsich unter dem Zwange der Tatsachen zu einer anderen Ansichtbequemen müssen. Noch im letzten Herbst lockte den damaligenSchatzkanzler das Vorbijld der napoleonischen Kriege, deren Kostenzu 40 Prozent durch Steuern und zu weniger als 60 Prozent durchAnleihen gedeckt worden sind; aber es ist bei der damals, imHerbst, in England beschlossenen Erhöhung der Einkommensteuer,der Biersteuer und Teesteuer geblieben, bei Steuererhöhungen,deren Ertrag nach jetzt vorliegenden englischen Schätzungen nuretwa 5 Prozent des Geldbedarfs des ersten Kriegsjahres ausmacht.Ein zweiter Versuch, Steuererhöhungen durchzusetzen, ist imFrühjahr dieses Jahres sang- und klanglos wieder aufgegebenworden. Und wenn neuerdings die englische Regierung mit demGedanken spielt, im Wege der Besteuerung neue Mittel dadurchzu beschaffen, dass sie auch die bisher freien Arbeitslöhne zurEinkommensteuer heranzieht, so ist sie damit heute schon aufso grossen Widerspruch gestossen, dass das Schicksal dieser neuenIdee heute kaum mehr zweifelhaft sein kann.

Meine Herren, wie die Dinge liegen, bleibt also vorläufig nurder Weg, die endgültige Regelung der Kriegskosten durch dasMittel des Kredits auf die Zukunft zu schieben, auf den Friedens-schluss und auf die Friedenszeit. Und dabei möchte ich auchheute wieder betonen: wenn Gott uns den Sieg verleiht unddamit die Möglichkeit, den Frieden nach unseren Bedürfnissenund nach unseren Lebensnotwendigkeiten zu gestalten, dann wollenund dürfen wir neben allen anderen auch die Kostenfrage nichtvergessen; das sind wir der Zukunft unseres Volkes schuldig.Die ganze künftige Lebenshaltung unseres Volkes muss, soweites irgend möglich ist, von der ungeheuren Bürde befreit bleibenund entlastet werden, die der Krieg anwachsen lässt. Das Blei-gewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient;sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir. io