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Reden und Aufsätze aus dem Kriege / Helfferich
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England kämpft heute lediglich um die Erhaltung des Gleich-gewichts in seinem ordentlichen Budget. Auch das ist ein sehrschwerer Kampf, ein Kampf, von dem ich sagen muss, dass eruns in Deutschland noch bevorsteht und kommen wird.

In seiner Anleihepolitik sieht sich England auf Wege gedrängt,die in englischen Finanzkreisen die grösste Besorgnis seit Mo-naten erregen. Vor einem Jahre noch glaubte man mit einem 3V2prozentigen Zinsfuss für die Kriegsanleihe auskommen zu können.Die Anleihe war kein Erfolg. Das Gesicht wurde nur dadurchgewahrt, dass die grossen englischen Banken veranlasst wurden,etwa 100 Millionen Pfund zu zeichnen, also nahezu ein Drittelder Anleihe auf sich zu übernehmen. Die Folge des Fehlschlageswar, dass der Markt für eine ähnliche Anleihe nicht mehr auf-nahmefähig wurde. Die Regierung behalf sich, solange es ging,mit der Ausgabe von kurzfristigen Schatz scheinen und Tresorbons.Als dann im Juni die Begebung von weiteren Schatzscheinen wegender Uebersättigung des Marktes und der Banken auf Schwierig-keiten stiess, wurde ein neuer Anleiheversuch nötig. Damals griffEngland zu dem heroischen Mittel der mit der Bjnaufkonvertierungder 2V2 prozentigen Konsols verbundenen 4*/« prozentigen Anleihe,deren Effektivzinssatz in Wirklichkeit höher war als 5 Prozent.Der britische Schatzkanzler erklärte im Parlamente im Juni d. J.,dass er hoffe, der Ertrag der Anleihe werde genügen, um denGeldbedarf Englands für den Krieg bis zum 31. März 1916 sicher-zustellen. Die Anleihe erbrachte nicht ganz 600 Millionen Pfund.Aus ihr mussten die aufgelaufenen kurzfristigen Verbindlichkeitengedeckt werden. Der Ueberschuss war im September oder spä-testens im Oktober vollständig aufgezehrt, statt bis zum 1. Aprilnächsten Jahres zu reichen. Also aufgezehrt in drei bis vier Mo-naten statt in neuen Monaten!

Aber nicht nur in ihrem Ertrag war die Anleihe ein Fehl-schlag, sondern auch in bezug auf die Einwirkung auf die Verhält-nisse des englischen Kapitalmarktes. Die Anleihe, die angeblichzu pari, in Wirklichkeit aber zu 98 7 / 8 Prozent ausgegeben wurde.,ging alsbald nach dem ersten Notierungstage unter den Ausgabe-kurs herunter und steht heute wenig über 97 Prozent. Alsbaldnach der Emission gestand die Presse zu, dass eine weitere Anleihe