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Reichstagsreden 1920 - 1922 : mit einem Anhang: Reden vom 12. und 14. November 1919 vor dem Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung / von Dr. Helfferich
Entstehung
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Kluft zu überbrücken, ist das schlimmste Mittel, das überhauptaugewendet werden kann. Denn dieses Mittel faßt das Uebelnicht an der Wurzel, sondern es verschlimmert das Uebel. Jemehr Papiergeld ausgegeben wird, desto mehr entwertet sich dasGeld, desto höher werden die Preise, desto höher müssen die Löhnewerden. Das ist die Schraube ohne Ende. So geht es nicht!Vor allen Dingen heißt es nehmen Sie es mir es nicht übel,(Zurufe bei den Unabhängigen Sozialdemokraten: Arbeiten!)unserer deutschen Bevölkerung die Kenntnis unserer furchtbarenLage beizubringen, ihr Verständnis für das Notwendige zu wecken.(Zurufe bei den Unabhängigen Sozialdemokraten: Das wissen dieArbeiter schon!)

Das ist bisher nicht genügend geschehen. Vor allem nichtvon Ihnen! Im Gegenteil, den Arbeitern ist zu oft vorerzähltworden, daß, wenn Sie (nach links) erst am Ruder sind, alle weni-ger arbeiten brauchen und besser leben können. (Zustimmung beiden Deutschnationalen.)

Das sitzt den Leuten heute in den Köpfen! (Stürmische Zu-rufe bei den Unabhängigen Sozialdemokraten: Im Wahlkampfhieß es: Willst Du Brot, so wähle Helfferich! Wer hat dasgesagt: Wenn der Sozialismus ans Ruder kommt, muß wenigergearbeitet werden? Glocke des Präsidenten.)

Vizepräsident Dietrich (Prenzlau ): Herr Abgeordneter Dr.Rosenfeld, Sie haben nicht das Wort!

vr. H e'l f f e r i ch: Das sagt Bebel in seinem Buche überdie Frau; ich habe meine Bibliothek nicht in der Tasche, ich kannes Ihnen daher nicht vorlesen. (Zuruf bei den Sozialdemokraken.)

Ja, wenn Sie nicht einmal Bebel gelesen haben, dann weiß ichnicht, wie Sie zu den Sozialdemokraken kommen.

Meine Damen und Herren! Ich wiederhole: die Erkenninisder wirklichen Lage muß in unser Volk hineinkommen. Dannwerden wir auch dahinkommen, daß nicht starre Dogmen aufgestelltwerden, an denen Deutschland zugrunde geht. Hören Sie, wasneulich der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Herr Stieler,gesagt hat. Er hat erklärt, daß der Achtstundentag, wie er jetzteingeführt worden ist, für die Reichseisenbahn einfach undurchführ-bar ist. (Lebhafte Zustimmung bei den Deutschnationalen.

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