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Stempelschneidekunst und Schriftgießerei.
berechnet, die zum Saße nothigen Ziffern selbst ausdem Schriftkasten nimmt, gemachte Fehler augen-blicklich verbessert und das Berechnete zugleich selbstdruckt. Hat sie gleichwol nur theilweise auf dieTypographie Anwendung, so durfte sie als einerder merkwürdigsten Triumphe des menschlichenGeistes an diesem Orte nicht mit Stillschweigenübergangen werden.
Ueber den Pressenbau sehe man die Schrifteneines Anisson, Henry, Pierres, Pierron undDingler, besonders aber ,, Ch. Babbage, Manufactu-res and Machinery of Great Britain", deutsch vonFriedenberg, Berlin 1833. 8.
Stempelschneidekunst
und
Schriftgießerei.
Das wesentlichste Erforderniß beim Buchdruckeneben der Presse ist die Schrift oder sind nach demalten Ausdrucke die Lettern. Die schöne Gestalt,das edle Verhältniß, sowie die Schärfe des Aus-druckes liegt in der Hand des Stempelschneiders.Dieser muß im eigentlichsten Sinne des Wortes
ein Kalligraph sein, denn nur vollkommen schöngezeichnete oder geschriebene Buchstaben können inStahl, wo jede scharfe Kante, jede Ecke um sodeutlicher hervortritt, ihren Zweck, durch ästhetischeSchönheit das Auge zu erfreuen, für die Dauererreichen. Einfachheit und richtiges Verhältniß istauch hier, wie in Allem, die Basis der Schönheit.Der Stempelschneider zeichnet den Buchstaben zuerstauf ein stählernes Stäbchen, schneidet denselbenerhaben aus und gewinnt auf diese Weise diePatrize. Diese wird alsdann in Kupfer abge=schlagen und erscheint nun vertieft als Matrize.In diese wird die Schriftmasse oder der Lettern-zeug, aus Blei, Eisen und Antimonium bestehend,gegossen, dann abgeschliffen und justirt.
Die ersten Buchdrucker fertigten sich ihre Typenselbst und suchten dabei die Handschrift des zu dru-denden Werkes auf das genaueste nachzuahmen. DieHolländer und Deutschen waren auch hierin Vor-bilder. Koster ist, sowie der Begründer der Kunstin jenem Lande, so auch der Schöpfer der eigenthüm-lichen holländischen Type, von der das wohlgelungeneFacsimile aus dem in der Stadtbibliothek zu Trier aufbewahrten Donatfragmente Zeugniß giebt.
Optató mo cpe pith aptito ipfo fit docerer wæmusvê wæære dæremr aplé úd wæmni cæremi wæreéum pretito pfo z ptopto tia wa2 eemt fuiffem desvrnilles sa ve dizipli in docci ecm2 è fuiffeme
Unter den Deutschen stehet Schöffer in Mainz oben an, dessen Psalter von 1457, ein nie genug zubewunderndes Kunstwerk, noch jetzt fast unüber-troffen ist. Schon in der Princeps des Justinian entfaltete er drei verschiedene Schriftgrößen. In denseiner kunstfertigen Hand angehörigen Typen zuBreydenbachs Reisen hat er die ersten Grundzügeder nachmals so beliebten Schwabacher gelegt,die von dem spätern Vervollkommner den Namenführen. Neben ihm strahlt Pfister zu Bamberg ineigenthümlicher selbstständiger Größe. Sie sind dieSchöpfer der gothischen Missal- und der semi-gothischen Bibeltype mit mancherlei Abstufungen.Sweynheim und Pannars in Rom und Jenson in
Venedig brachten die Antiqua auf, welche UlrichHan, Johann von Speyer, Günther Zainer undMentelin vervollkommneten. Anton Zarotus, Dio-nysius Paravisinus zu Mailand , sowie BernardinNerlius und Lorenzo Franzesco de Alopa zu Flo-renz bildeten die griechische Type aus, währendConrad Fyner zu Eßlingen und Abraham Konathzu Mantua die hebräische schufen. Für die ausBlumen und andern Zierrathen zusammengesetztenAnfangsbuchstaben, die früher auf besonders freigelassenen Quadraten eingemalt, geschrieben oder mitHolzstöcken eingedruckt wurden, hat der in diesemBuche oft erwähnte geniale Wanderdrucker ErhardRatdolt in Venedig die Bahn gebrochen.