Druckschrift 
Wir und die Engländer : offener Brief an einen englischen Freund / von Otto Arendt, Mitgleid des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

16

die lindere Partei zertrümmern. Würde das unseren Feinden ge-lingen, so fänden sie erst recht nicht den Frieden, sondern umgekehrtdauernden Krieg. Ein erfolgreiches Deutschland dagegen vermag derWelt den Frieden zu bringen. Die Deutschen werden so wenig wienach 1870 übermütig ihre Macht mißbrauchen. Gibt Frankreich seineBestrebungen auf Elsaß-Lothringen auf, so wird es bald in Deutschland nicht mehr eine Gefahr, sondern einen Schutz sehen. Entsagt Rußland der europäischen Ausbreitungspolitik, so können unsere Beziehungenzu ihm wieder die alten, freundschaftlichen werden. Aber England !In seiner Besiegung liegt zugleich das Ende seiner Gefährlichkeit.Sein Weltreich kann eine Niederlage nicht überdauern. Ob es noch fürEngland möglich ist, durch einen rechtzeitigen Frieden einer völligenNiederlage zu entgehen, das ist die Frage. Wird die Einsicht oder dieVerbissenheit größer sein?

Es ist meine feste Überzeugung, daß, wenn die Engländer dieEntwicklung der Dinge vorausgesehen hätten, sie Ende Juli den Kriegverhindert haben würden. Selbst ein Sieg über Deutschland kann denSchaden nicht wieder gut inachen, den England schon bis heute erlitt.Und wir stehen erst im Anfang.

Was ich von der nächsten Zukunft im wohlverstandenen Interesseunserer Feinde boffe, ist, daß sie ihre Illusionen verlieren. Noch heutestehen Sie und mit Ihnen alle tonangebenden Männer des Drei-verbandes fest in dein Glauben, daß der Dreiverband siegen muß. Einhervorragender Franzose hat den Ausammenbruch Deutschlands fürden Juni vorausgesagt. Bis dahin würden die Russen über die Wartheund die Franzosen über den Rhein gekommen sein. Wir gehen ja den?Juni entgegen. Vielleicht ist bis dahin der Zusammenbruch in Rußland und Frankreich erfolgt. Aber der Rhein und die Warthe werden nurvon gefangenen Franzosen und Russen überschritten. Legen Sie esmir nicht als nationalen Hochmut aus, Sie wissen, ich bin frei davon,aber ich will Ihnen nicht verhehlen, daß nur der bisherige Krieg dieÜberzeugung zur Gewißheit machte, daß die deutschen Truppen allenanderen überlegen sind. Hätten wir noch Kriege wie früher mit offenerFeldschlacht, der Widerstand unserer Feinde wäre langst gebrochen,nur der Schützengrabenkrieg hält unseren Sieg auf. Aber dieser Schützen-grabenkrieg macht auch unsere Niederlage zur Unmöglichkeit. Nichteine, zehn Armeen Kitcheners würden sich vor unseren Schützen-gräben verbluten und uns doch weder aus Frankreich, noch aus Belgien vertreiben. So haben wir ein Faustpfand und können ruhig ab-