24 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Ursache, als historische Entwickclungsreihe, als Ergebnisse unseres geistig-sittlichen Lebenszu begreifen.
Die Bedürfnisse sind ein Resultat des Aufeinanderwirkcns der vorhandenen Nerven-gewohnheiten und seelischen Eigenschaften einerseits, der natürlichen und gesellschaftlichenUmgebung des Menschen andererseits. Sie sind bei jedem Individuum das Resultatseiner Rasse, seiner Erziehung, seiner Lebensschicksale. Sie zeigen bei höherer Kulturnach Individuum, Klasse und Einkommen an jedem Orte und in jedem Volke erheblicheAbweichungen; auch beruht der Ausbreitungsprozeß der höheren Bedürfnisse natürlichdaraus, daß die an einem Punkte von einzelnen gemachten Fortschritte langsam vonPerson zu Persou, von Klasse zu Klasse, vou Land zu Land übergehen. Aber wirkönnen davon zunächst hier absehen; für alle gesellschaftliche und volkswirtschaftlicheBetrachtung können wir hier zunächst davon ausgehen, daß kleine oder größere gesell-schaftliche Kreise, die unter ähnlichen Lebensbcdingungen stehen, durchschnittlich ähnlicheBedürfnisse haben; wir können daran erinnern, daß nirgends so sehr als bei denBedürfnissen der Mensch als Herdentier sich zeigt und vom Nachahmungstrieb be-herrscht wird.
Der ursprüngliche Grundstock der menschlichen wirtschaftlichen Bedürfnisse ist nundurch die tierische Natur des Menschen gegeben: ein gewisses Maß von Nahrung, Wärme,Schutz gegen Feinde muß auch der roheste Mensch sich verschaffen. Man hat häufig diesesMaß das Naturbedürfnis genannt. Aber es ist heute nirgends zu finden. Selbst diewildesten Stämme sind darüber hinaus. Und die Frage, wie, warum der Mensch überdiese rohestcn Naturbedürfnisse hinausgekommen sei, ist eben das hier zu erklärendeProblem.
Bleibt man beim Äußerlichen stehen, so wird man sagen können, die Bedürfnissehätten sich verfeinert und vermehrt in dem Maße, wie der Mensch die Schätze der Naturdirekt oder durch den Handel kennen lernte, wie die fortschreitende Technik, die Bau-,die Kochkunst, die Kunst der Weberei und andere Fertigkeiten ihm immer kompliziertere,schönere, bessere Wohnungen, Werkzeuge, Kleider, Geräte, Schmuckmittel zur Verfügungstellten. Die Zufälligkeiten der äußeren Kulturgeschichte und die Geschichte der Ent-deckungen, des Handels, der Technik, die Berührungen der jüngeren mit den älterenVölkern bestimmten diesen ganzen Entwickelungsprozeß, auf dessen wichtigsten Teil wirbei der Geschichte der Technik zurückkommen. Natürlich erklären nun aber diese äußerenEreignisse entfernt nicht ihren inneren Zusammenhang; sie sind selbst das Produkt derRassen- und psychologischen, der geistig-moralischen, ästhetischen und gesellschaftlichenEntwickelung der Menschheit, so sehr die einzelnen erwähnten Ereignisse von Zufällen mitbestimmt sind und so da und dort hin Bedürfnisse bringen, für welche die Betreffendennicht reif sind, die ihnen mehr schaden als nützen. Dies gilt vor allem von der Ein-führung der verfeinerten Kulturbcdürfnisse in der Sphäre der Naturvölker.
Die innere Erklärung der zunehmenden, höheren, feineren, der sämtlichen Kultur-bedürfnisse liegt in der zusammenhängenden Kette der Ausbildung der Gefühle, desIntellekts, der Moral, der Gesellschaft. Indem neben die sinnlichen die höheren Gefühledes Auges, des Ohres, des Intellekts, die Sympathie traten, entstand das Bedürfnisdes Schmuckes, der Kleidung, der Wohnung, entstanden die schönen Formen, die ver-besserten Hülfsmittel, die Werkzeuge, entstanden die Hallen und Kirchen, die Wege unddie Schiffe, die Musik und die Schrift, entstand jener große, stets wachsende äußerewirtschaftliche Apparat, der schon vor Jahrtausenden dem Kulturmenschen unentbehrlichwurde, heute sür die Mehrzahl aller Menschen Lebensbedürfnis ist. Das Unnötige, sagtder Dichter, wurde der beste Teil der menschlichen Freude. Eine Welt der Formen, derKonvention, des schönen Scheins umgab alle ursprünglich einfachen Naturbedürfnisse.Nicht die Stillung des Hungers zu jeder beliebigen Zeit, in jeder Form, an jedemOrte, der Sicherheit vor Raub und Neid gewährte, genügte dem Menschen mehr; erwollte in Gesellschaft, zu bestimmter Stunde, mit bestimmten Gefäßen und Ceremonien,mit einer gewissen Abwechslung und unter Zusammenstellung verschiedener Speisen essen undso durch diese Ordnung das einzelne Bedürfnis einfügen in den rechten Zusammenhang