Tie historische Entwickelung der Bedürfnisse.
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seiner Lebensführung. Alles, was geschah, sollte durch solche verfeinerte Formen alsein Glied in dem Plane des Lebens erkannt und gestempelt werden. Immer neue Be-dürfnisse kamen zu den alten, und die alten verfeinerten sich, komplizierten sich, wurdenvielgestaltiger, wechselvoller, anspruchsvoller. Und wir können verstehen, daß dieserProzeß, so viel er zugleich Falsches, Häßliches, Bizarres erzeugt, doch zugleich das not-wendige Instrument ist, uns auszubilden, unsere innere Kultur zu fördern. Ohne diebessere Wohnung, ohne die Trennung von Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer keinedleres, höheres Familienleben, ohne Trennung von Werkstätte und Wohnung keinegroße maschinelle Produktion. Ja wir können sogar sagen, ohne eine gewisse Verfeine-rung unserer Tafel kein hochgespanntes geistiges Leben, keine funkcnsprühende Geistes-thätigkeit.
Der Stoiker mag klagen, daß wir Sklaven unserer Bedürfnisse sind, der laudatortempoi-is aeti, daß wir die alte Einfachheit verloren haben und ein immer schwerfälligeresKulturgepäck mit uns schleppen. Wir mögen mit Recht immer wieder bemüht sein,unseren Körper so zu stählen, daß er mal Mangel und Entbehrung erträgt. Im ganzenliegt doch ein Fortschritt gerade darin, wenn selbst die unteren Klassen Fleisch, gute Kleidung,saubere Wohnung und Anteil an der geistigen Kultur fordern; wenn alle Klassen um jedenPreis an ihrem Bedürfnisniveau festhalten, es steigern wollen. Die dauernde scste Anpassungunserer Nerven an einen immer komplizierteren Apparat der Bedürfnisbefriedigung istder Sperrhaken, der die Menschen vor dem Zurücksinken in die Barbarei bewahrt. Auchwer an falsche, übermäßige Genüsse jahrelang gewöhnt ist, kann sich ihnen nicht Plötzlichentziehen. Die Nerven halten jeden mit starker Fessel au dem gewohnten Lebcnsgclcisevon Bedürfnissen fest. Soweit die Bedürfnisse aber normale sind, ist das ein Glück;es entsteht dadurch die Kraft, auf dem erreichten Kulturniveau sich zu behaupten, wiedie Zunahme der Bedürfnisse den Fleiß, die Thatkraft, die Arbeitsamkeit immer wiederangespornt und gefördert hat, die höhere Kultur bedeutet.
Betonen wir so die Berechtigung der wirtschaftlichen Bedürfnissteigernng im ganzenund ihren Zusammenhang mit aller höheren Kultur, aus der sie zuletzt entspringt,sehen wir in dem großen wirtschaftlichen Mechanismus, der unseren Bedürfnissen dient,die in die Außenwelt verlegte Projektion innerer Vorgänge, eine komplementäre Er-scheinung unserer höheren Gefühlsentwickelung, so soll damit doch entfernt nicht gesagtsein, daß schlechthin jede Bedürsnissteigerung ein Segen sei, daß keine Gefahren mit ihrsich' verbinden.
Große und lange Epochen der Menschheit haben einen sast stabilen Zustand derBedürfnisse gehabt; solche wechseln naturgemäß mit Zeiten, in welchen eine verbesserteTechnik und wachsender Wohlstand eine große Bedürfnissteigerung erzengten und erlaubten.In den erstgenannten Epochen wird das Streben, alle Bedürfnisse mit einander undmit einer guten Gesellschaftsvcrfassung in Harmonie zu bringen, sogar leichter gelingen;und deshalb wird eine fest gewordene, eingewurzelte, von sittlichen Ideen beherrschteGestaltung der Bedürfnisse dann von allen konservativen Elementen und von den Moral-predigern als ein Ideal verteidigt werden, an dem nicht gerüttelt werden dürfe. NeueBedürfnisse erscheinen so leicht an sich als Unrecht, als Überhebung, als Mißbrauch;und sie sühreu häufig auch zunächst zu häßlichen Erscheinungen, zu unsittlichen Aus-schreitungen, die man durch Verbote, Luxusgesetze, Moralpredigten mit Recht bekämpft.
Jedes Bedürfnis erscheint als Luxus, soscrn es neu ist, über das Hergebrachtehinausgeht. Sehr häufig ist in der Folgezeit berechtigtes Bedürfnis, was zuerst alsverderblicher Luxus erschien. Aber der steigende Luxus kann auch ein Zeichen wirtschaft-licher und sittlicher Auslösung im ganzen oder gewisser höherer Kreise sein.
Die Bedürfnisse jedes Volkes und jedes Standes sind ein Ganzes, das dem Ein-kommen und Wohlstand ebenso entsprechen soll, wie der richtigen Wertung der Lebens-zwecke untereinander. Und zumal in einer Zeit großer wirtschaftlicher Fortschritte,großer Änderung und Steigerung der Bedürfnisse wird es immer zuerst sehr schwersein, das richtige Maß im ganzen zu halten und im einzelnen jedem Lebenszwecke seingebührendes Maß von Mitteln zuzuführen. Rohe Zeiten haben durch ein Übermaß