Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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26 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

von Fressen und Sausen, civilisicrte durch Kleider- und Festluxus gefehlt; verschwende-rische Fürsten und Völker haben, statt sparsam die Mittel zusammen zu halten, durchBauten und Vergnügungen sich erschöpft; die sinkende Kultur des Altertums und derDespotismus der neueren Zeit zeigen genug solcher Beispiele. Die Verbreitung derTrunkenheit und des Alkoholgenufses der neueren Zeit beweist, wie wenig wir nochüber solche Irrwege hinaus sind.

Jede Bedürfnissteigcrung, zumal die rasch möglich werdende und eintretende, istfür jede Klasse und jedes Volk eine Prüfung, die nur bestanden wird, wenn die sittlichenKräfte gesund sind, wenn Besonnenheit und richtiges Urteil den Umbildungsprozeßbeherrschen, wenn die Mehrproduktion und die Sparsamkeit gleichen Schritt mit denvermehrten und richtig regulierten Bedürfnissen hält. Jede starke Bedürfnissteigcrungerzeugt die Gefahr, daß das Gcnußleben an sich für einzelne oder weite Kreise zu sehran Bedeutung gewinne gegenüber der Arbeit und dem Ernst des Lebens. Es entstehtdie Möglichkeit, daß die ersten Schritte auf dieser Bahn die Thatkraft steigern, diespäteren sie lahmen. Vor allem aber handelt es sich um die Art der Bedürfnissteigerungund ihre Rückwirkung auf die sittlichen Eigenschaften. Es dürfen nicht die gemeinen,sinnlichen Bedürfnisse auf Kosten der höheren gesteigert werden. Es dürfen mancherleizweischneidige Genußmittel nicht in die Hände halb kultivierter, sittlich schwacher Ele-mente fallen: sie werden bei höchster Selbstbeherrschung vielleicht Gutes wirken, wenigstensnicht schaden, sonst aber nur zerstören. Allein d i e Bedürfnissteigerung ist die normale,welche die geistigen und körperlichen Kräfte, vor allem die Fähigkeit zur Arbeit erhöht,welche das innere Leben ebenso bereichert wie das äußere, welche den socialen Tugendenkeinen Eintrag thut.

Die Gefahr jeder Bedürfnissteigerung liegt im Egoismus, in der Genußsucht, imfybaritischen Kultus der Eitelkeit, die sie bei falscher Gestaltung herbeiführen kann. Eswar kriechende Schmeichelei der früheren Jahrhunderte, jeden Wahnsinn fürstlicher Ver-schwendung zu preisen; cs war knabenhafte Demagogie, dem Arbeiter von der Sparsamkeitabzuraten, weil die Bedürfnissteigerung stets wichtiger sei. So redete Lassalle von einerverdammten Bedürfnislosigkeit der unteren Klassen, die ein Hindernis der Kultur undder Entwickelung fei.

5. Die menschlichen Triebe.

Über die Litteratur siehe den vorigen Abschnitt.

13. Allgemeines. Die Lust- und Schmerzgefühle, die zur BedürfnisbefriedigungAnlaß geben, erscheinen als Triebe, sofern sie bleibende Dispositionen des Menschen zueinem der Art, aber nicht dem Gegenstande nach bestimmten Begehren darstellen. Wasder Instinkt im Tier, ist der Trieb im Menschen. Er giebt die Anstöße zum Handeln,die immer wieder in gleicher Richtung von der Thätigkeit unseres Nervenlebens, haupt-fächlich von den elementaren Gefühlen ausgehen. Aber die heute vorhandenen, inbestimmter Art auftretenden Triebe dürfen wir deshalb doch nicht als etwas ganz Un-veränderliches, mit der Mcnschcnnatur von jeher an sich Gegebenes betrachten, so wenigwie unser Gehirn und unsere Nerven stets ganz dieselben waren. Die Natur hat demMenschen nicht etwa einen Essenstrieb mitgegeben, sondern Hunger und Durst haben alsqualvolle Gefühle, welche die Nerven ausregen, Menfchcn und Tiere veranlaßt, nachdiefem und jeneni Gegenstand -zu beißen und ihn zu verschlingen; und aus den Er-fahrungen, Erinnerungen und Erlebnissen von Jahrtausenden, aus den körperlichen undgeistigen damit verknüpften Umbildungen ist der heutige Trieb, Nahrung aufzunehmen,entstanden, der in gewissem Sinne freilich als elementare, konstante Kraft, auf der anderenSeite aber ia seinen Äußerungen doch als etwas historisch Gewordenes erscheint. Jeder somit der Entwickelungsgeschichte gewordene, auf bestimmten Gefühlscentreu beruhende Triebregt den körperlichen Mechanismus wie unser Seelenleben an, mit einer Art mechanischerAbfolge in bestimmter Weise zu handeln. Wir sprechen wenigstens mit Vorliebe davon einem Trieb, wo wir glauben, das Handeln auf einGetricbenseiu" zurückführen