Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Das Wesen der Triebe.

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zu können, wo wir große Mcnschengruppen oder alle Menschen in ähnlicher Weise glauben,durch bestimmte seelische Grundkräfte in ihren Willensaktioncn beherrscht zu sehen. Wirbezeichnen die Handlungen als Triebhandlungen, welche uns unter der unmittelbarenWirkung einer solchen Grundkraft zu stände zu kommen scheinen.

Die Vorstellung, daß es möglich sei, eine bestimmte Anzahl sich immer gleichbleibender Triebe bei allen Menschen aller Zeiten nachzuweisen, müssen wir dabei freilichfallen lasten. Das Triebleben ist, wie wir schon bemerkt, ein Ergebnis der historischenEntwickelung unserer Nerven und unserer ganzen geistig-sittlichen Natur. Alle starkenGefühle geben Impulse zum Handeln; je niedriger die menschliche Kultur, desto unwillkür-licher folgt dieses Handeln, desto näher steht es unbewußten Reflexbewegungen, destomehr handelt es sich um ein wirklichesGetriebensein". Je mehr die Reflexion unddas geistige Leben sich ausbilden, desto mehr schieben sich zwischen den Gefühlsimpulsund das Handeln Vorstellungen über die Folgen, Überlegungen sittlicher Art, desto mehrgeht das impulsive Handeln in ein überlegtes, durchdachtes, durch die Erziehung modifi-ziertes über. Die Triebe verschwinden damit nicht, aber die reinen und bloßen Trieb-handlungen. Unsere Handlungen werden etwas anderes, Komplizierteres, den sittlichenLebensplänen Angepaßtes; die Triebe selbst ändern sich in ihren Wirkungen. DerErwerbstrieb des rohen Indianers, des Bauern, des Gelehrten, des Börsenspekulantensind qualitativ und quantitativ ebenso verschieden wie der Geschlechtstrieb einer Südsee-insulanerin und einer gut erzogenen englischen Lady.

Der Trieb ist der organische, von unserm Gefühlsleben und bestimmten Vor-stellungen ausgehende Reiz zum Handeln. Er ist der natürliche Untergrund dessen, wasdurch Zucht und Gewöhnung, durch Übung und Zähmung zur eivilisierten Gewohnheitwird. Alle menschliche Erziehung will die Triebe ethisieren und in gewissem Sinne zuTugenden erheben; aber die Triebe der heutigen Generation sind immer schon das Er-gebnis einer sittlichen Erziehungsarbeit von Jahrtausenden.

Die neuere Psychologie, wesentlich auf andere Fragen gerichtet, hat in der Trieb-lehre noch keine großen Fortfchritte gemacht; man ist noch zu keiner einheitlichen Klassifi-kation der Phänomene und zu keinen festen Begriffen gelangt. Nichtsdestoweniger drängtsich das Bedürfnis, eine Reihe von Trieben zu unterscheiden, immer wieder auf. Undwenn die Versuche, ganze Wissenschaften aus einem oder ein paar Trieben zu erklärenich erinnere an den geselligen Trieb des Aristoteles nnd Hugo Grotius , an die Trieb-lehre der Socialisten, an den Erwerbstrieb der Nationalökonomen, an die Heirats- undVerbrechenstriebe der Statistiker , noch unvollkommener sind als die Trieblehren derPsychologen, so wird eine sociologische Betrachtung, welche nicht um systematischer Ein-heit willen alles aus einer Ursache ableiten will, doch immer am besten thun, in An-lehnung an die heutige Psychologie die wesentlichsten der gewöhnlichen Triebe einfachnebeneinander zu stellen und auf ihren Zusammenhang mit den Erscheinungen desgesellschaftlichen Lebens zu prüfen, ohne damit die Prätension zu erheben, eine neueTrieblehrc zu geben oder gar auf sie ein ganzes System zu bauen.

Wir kommen dabei freilich aus eine Wiederholung dessen, was wir über die Ge-fühle gesagt; wir müssen uns andererseits mit wenigen aphoristischen Bemerkungen überden Selbsterhaltungs-, Geschlechts-, Thätigkeits-, Anerkennungs- und Rivalitätstriebbeschränken; aber diese, sowie die Hinweisung auf ihre historische Entwicklungsfähigkeitwerden immer nicht wertlos sein und uns für die Erörterung des Erwerbstriebes vor-bereiten.

14. Der Selbsterhaltungs- und der G cf ch lech ts tri eb werden in allenTrieblehren vorangestellt; sie entsprechen den stärksten Lustgefühlen, wie wir bereitserwähnt. Sie können auch, viel eher als der Egoismus oder der Erwerbstrieb, alsder psychologische Ausgangspunkt des Wirtschaftslebens, ja der ganzen gesellschaftlichenOrganifation angesehen werden: Durch Hunger und durch Liebe, sagt ein bekanntesSprüchlein, erhält sich das Getriebe. Und Goethe meint in den vcnetianischen Epi-grammen: