28 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Warum treibt sich das Volk so und schreit? Es will sich ernähren,Kinder zengcn und die nähren, so gut es vermag.Merke dir, Reisender, das nnd thue zu Hause desgleichen —Weiter bringt es kein Mensch, stell' er sich wie er auch will.
Der Selbsterhaltungstrieb umsaßt uicht bloß das Essen und Trinken; wir führenauf ihn alle menschliche Thätigkeit zurück, die auf Erhaltung des eigenen Ich direktgerichtet ist; der Mann, der sich gegen seine Feinde oder wilde Tiere verteidigt, der sichgegen Kälte oder Gefahren schützt, wird ebenso von ihm geleitet wie der, welcher Waffenund Werkzeuge zu künstigem Thun bereitet. Aus dem Selbsterhaltungstrieb entwickelnsich bei höherer, komplizierterer Kultur alle möglichen Anstrengungen, die indirekt dasIndividuum erhalten und fördern wollen; aller Kampf mit der Natur, alle Anstrengungund Arbeit hängt mit demselben zusammen, sofern sie das eigene Ich im Auge haben;auch List uud Betrug, Gewaltthat und Diebstahl, Raub und Mord entspringt aus ihm,wie der heftige, rücksichtslose Konkurrenzkampf der Gegenwart. Damit ist aber schongesagt, daß der Trieb kein einfacher sei, mit höherer Kultur immer kompliziertere Ge-biete, indirekte Ziele umfasse uud in seiner Bethätigung sich bei den meisten Menschennur in den Schranken der Sitte und des Rechtes äußere. Die Ziele, die ihm gestecktsind, wechseln ebenso wie die Kraft und Nachhaltigkeit, mit der er auftritt. Er äußertsich beim Wilden als Veranlassung zur Jagd und Fischfang, beim Ackerbauer zur Pflug-führung und Ernte. Faulheit und Arbeitsscheu, gedankenlose Verschwendung sind hier mitdiesem Triebe verbunden, dort Sparsamkeit und Fleiß. Erst eine durch die Jahrtausendefortgesetzte Zucht und die Institute der socialen Ordnung haben ihn zu dem gemacht,was wir heute als Selbsterhaltungstrieb in der civilisierten Gesellschaft bezeichnen. Vonder Sorge für die eigene Brüt und Familie ist er heute schwer zu trennen. Vermögejenes Princips der Association der Vorstellungen, welches zuerst Hartley in die Psycho-logischen Untersuchungen des Sittlichen eingeführt hat, vereinigen sich die Vorstellungender Menschen nach beiden Richtungen mehr oder weniger stets. Nur bei gänzlichschlechten, verwahrlosten Menschen oder im Moment der Todesgefahr hat der Selbst-erhaltungstrieb nur das eigene Ich im Auge.
Auch der Geschlechts trieb ist ^ zumal in der civilisierten Gesellschaft —kein einfaches Phänomen, keine blinde Triebkraft mehr. Gewiß tritt er auch heute nochmit einer gewissen elementaren Kraft auf, er kann einzelne im Moment blind beherrschen,er ist sür die meisten erwachsenen, noch nicht gealterten Menschen einer der wichtigstenFaktoren ihres Trieblebens; aber der sittliche und sociale Erziehungsprozeß hat ihn beider Mehrzahl der Menschen gemildert, geformt, mit Schranken umgeben, ihn mit allenmöglichen anderen Zielen in Verbindung gebracht. Er tritt vor allem als Trieb auf,eine Familie zu gründen; er verbindet sich so unauflöslich mit all' den Hoffnungen aufGlück und Behagen, welche die Ehe und die Familie bietet. Aus und mit den Lust-empfindungcn der Begattung sind so seit Millionen Jahren sympathische Erregungen,Güte, Leutseligkeit, Aufopferungsfähigkeit erwachsen, die Freude vor allem an dem Daseinder Kinder und Enkel, der Gattin und der Verwandten, ja das ganze Stammesgefühl.Und wenn der Satz wahr ist, daß für die große Masse der Menschen noch heute nachso vielen Jahrtausenden der Geschichte der natürliche Zusammenhang des Blutes immernoch der weitaus wichtigste, wo nicht der einzige Hebel milderer Sinnesart im Gegensatzzum rohen Ich sei (Cohn), daß erst langsam und nach und nach die Familiengefühleaus weitere Kreise sich ausdehnen, so ist damit zugegeben, daß auf dem natürlichenBoden des Geschlechtstriebes höhere und reinere gesellige Triebe erwachsen sind, welche,einmal fest gewurzelt und zu selbständigem Streben nach bestimmten Zielen ausgebildet,sich dem Geschlcchtstrieb als etwas Eigenartiges und Höheres gegenüberstellen.
15. Der Thätigkeitstrieb ist teilweise verwandt mit dem Selbsterhaltungs-trieb, aber doch wieder von ihm wesentlich verschieden. Er geht zunächst hervor auseinem der allgemeinsten menschlichen Gefühle, dem Kraftgcfühl der Nerven und Muskeln,die ihre überschüssige Energie irgendwie verbrauchen müssen. Alle physiognomische undmimische Bewegung hängt damit zusammen, wie die Sprache, welche nach ihrer anima-