Zy Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
anknüpfen, zu dem über, was man sonst noch als Trieb zu bezeichnen Pflegt, fo wirddie Untersuchung sehr viel schwieriger. In gewissem Sinne entspricht auch allen höherenausgebildeten Gefühlen ein Triebleben: der Mensch hat ästhetische, intellektuelle, moralische,gesellige Triebe. Aber es handelt sich hier um viel kompliziertere Vorgänge, um Nerven-reize, die keineswegs mit gleicher Dringlichkeit den Menschen zu bestimmten Richtungendes Handelns antreiben. Es handelt sich da um ein Handeln, auf das sittliche undandere Vorstellungen und Erfahrungen soviel stärker einwirken als der an sich vor-handene Nervenreiz, sodaß wir hier mit der Annahme eines Triebes viel wenigererklärt haben. Ja an einzelnen Stelleu erfcheint uns die Annahme eines Triebes nurals Mäntelchen, unsere Unwissenheit zu verdecken. So müssen wir uns entschieden gegendie Annahme eines allgemeinen socialen Triebes erklären, obgleich wir zugeben, daß esauch auf gesellschaftlichem und geselligem Boden Triebreize giebt. Aber diese Triebreizelösen sich uns auf in eine Reihe von Gefühlen, die wir wieder unterscheiden könnenals Gesühle der Blutsverwandtschaft, der Sprach-, der Kulturgemeinfchaft, als Freudeder Geselligkeit und was sonst noch dazu gehört. Und deshalb möchten wir das foklar zu Unterscheidende nicht mit einem Sammelnamen bezeichnen, der uns die Unter-schiede zudeckt.
Dagegen scheint es uns viel eher berechtigt, von einem allgemeinen Triebe derMenschen nach Anerkennung im Kreise von ihresgleichen zu sprechen. Wir haben schonoben (S. 9, 15 —16) darauf hingewiesen, wie sehr das geistige Leben überall nachZufammenfchluß hindrängt. Ad. Smith leitet aus der stets und überall wirksamenSympathie der Menschen miteinander alle sittlichen Urteile und alle gesellschaftlichenEinrichtungen ab.
Kein Mensch kann ohne die Billigung eines gewissen Kreises leben; und je niedrigerer steht, desto mehr ist er in jedem Schritt, den er thut, von dem Urteil seiner Um-gebung abhängig. Der Mensch ißt und trinkt, er kleidet sich und richtet seine Wohnungso ein, wie es seine Freunde, seine Standesgenossen sür passend halten. Jeder fürchtetsich in erster Linie vor dem, was man von ihm sagen werde; er fürchtet die Sticheleien,er sürchtet, sich lächerlich zu machen. Viele geben Feste über ihre Mittel, weil siefürchten, sonst getadelt zu werden. Die arme Witwe ruiniert sich und ihre Kinder, umdem Mann ein anständiges Begräbnis zu verschaffen, d. h. ein solches, wie sie glaubt,daß es die Nachbarn erwarten.
Wir beherrschen unsere Leidenschaften, weil wir fürchten, sonst ungünstig beurteiltzu werden; die Mäßigung, die Selbstbeherrschung entspringt so zuerst wesentlich ausRücksicht auf andere. Mag der einzelne Mensch im Herzen sich noch so sehr allen anderenvorziehen, er darf es, fagt Ad. Smith in der Theorie der sittlichen Gefühle, doch nieeingestehen, ohne sich verächtlich zu machen, er muß die Anmaßungen des Egoismus zudem herabstimmen, was andere nachempfinden können. Es giebt keine Lage des Lebens,in welcher der Mensch ganz auf Anerkennung der Menschen verzichten könnte, die er selbstachtet und hoch hält.
Der Kreis derer, aus die man dabei achtet, deren Anerkennung, Billigung oderLiebe man wünscht, kann je nach der Kultur, der Gesellschaft, der Lebenslage, der Hand-lung, die in Frage steht, ein sehr verschiedener fein. Aber diefe Anerkennung oderBilligung ist für die Mehrzahl der Menschen eine Hauptquelle ihres Glückes, ihrerZusriedeuheit. Selbst der Auswurf der Menfchheit kann nicht ohne solche Billigungleben. Es ist ohne Zweifel eine der Hauptursachen der größeren Moralität in kleinerenOrten, wo jeder jeden kennt, daß hier Nachbarn, Freunde, Verwandte von jedemdie gewöhnlichen Tugenden des ehrbaren Mannes, des guten Familienvaters, dessparsamen Hauswirts fordern. In der großen Stadt, vollends in der Weltstadt,entzieht sich das Privatleben der allgemeinen Kenntnis. Der schneidige Offizier, derpünktliche Beamte, der gewandte Commis wird von den Personen, die sein Schicksalbestimmen, nur nach Bruchstücken seines Wesens gekannt und beurteilt. Vollends derbetrügerische Börseuspielcr, der wucherische Kreditgeber, der Hehler und der Dieb wissenihre Thätigkeit vielen, mit denen sie in Berührung kommen, zu verbergen, sind anderer-