62 Einleitung, Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
suchen gehen dauernde Bildungen hervor. „Zufällige Berührungen und gegenseitigeHülfcleistungen sühren zum Gefühl von Vorteil und Nachteil; nach vielen Wandlungenstellen sich haltbare Formen des Zusammenlebens sest, in denen, wie in jedem Orga-nismus, die Bedürfnisse der Teile in Einklang mit den Daseinsbcdingungen des Ganzengesetzt sind" (Lotze). Je komplizierter die Gesellschaft wird, desto mehr kann der MenschMitglied einer Reihe der verschiedensten socialen Organe sein, denen er teils auf immer,teils vorübergehend, teils mit ganzer Hingabe, teils nur mit kleinen Bruchteilen seinesInteresses angehört. Alle diese Organe sind entweder mehr Herrschafts- und Abhüngigkeits-verhältnisse, oder mehr genossenschaftliche Bildungen. In jedem Organe oder Verbandbleibt jedem Individuum eine gewisse Frciheitssphäre. Es handelt sich stets nm einedauernde, auf einen Zwcckzusammenhang gegründete Willensmehrhcit mehrerer Personen,die eine gewisse Struktur und Verfassung hat; die Willen sind in einer bestimmtenForm zum Zusammenwirken verbunden (Dilthey), während sie nach anderer Seite freisind; der gemeinsame Zweck bestimmt diese Form, diese Strukiur, welche in einerbestimmten historischen Entwickelung nach und nach ihren typischen Charakter erhält.Die größeren und festeren Organe haben durch ihre rechtlich fixierte Verfassung, durchdie Herstellung einer selbständigen, über den einzelnen stehenden leitenden Spitze eindauerndes Leben, wie der Staat und die Korporationen, die Aktiengesellschaften; sieerhalten sich dadurch, daß sie die im Laufe des Generationswechsels absterbenden odersonst ausscheidenden Glieder durch neue, in der verschiedensten Form herangezogeneersetzen. Die heutigen Familien, auch die meisten Privatunternehmungen, viele Vereineund Gesellschaften sind Organbildungen, deren einzelne Exemplare im Laufe des Gene-rationswechsels immer wieder mit Leben und Sterben, mit Ein- und Austritt derGründer und Mitglieder erlöschen, um neuen gleichen Bildungen Platz zu machen. JedesOrgan hat seine leitenden und seine ausführenden Kräfte. Fast alle Menschen befriedigeneinen erheblichen Teil ihrer Bedürfnisse und erfüllen ihre meisten Pflichten nicht alsIndividuen, sondern als.Glieder bestimmter socialer Organe. Selbst das kleinste Geschäfteiner Wäscherin, eines Packträgers ist angelehnt an eine Familienwirtschaft. Selbst derHaushalt des Junggesellen ist an eine Familienwohnnng angehängt, hat Hülsskräfteaus einer anderen Familie; sein Essen enthält der Betreffende in einem Gasthof, seineArbeit verrichtet er in irgend einem Geschästsbureau. Für die Gesamtheit, ihre Ord-nungen, ihre Leitung kommen so stets ebenso sehr die socialen Organe als die Individuenin Betracht.
Die verschiedenen Organe unterscheiden sich vor allem durch die verschiedene Art,wie Sitte und Recht die einzelnen Individuen zusammenbindet und das Vermögenbeschafft, wie das sociale Organ nach außen als Einheit, nach innen als gegliederteVielheit, mit bestimmten Pflichten und Einsätzen, wie mit bestimmtem Anteil an denErfolgen der Thätigkeit organisiert ist. Auf allen Lebensgebicten zeigt sich eine unendlicheVerschiedenheit der Organe und ein gegenseitiges sich Stützen und Helfen verschiedenartigerOrgane von der losesten Privatverbindung bis zum geschlossensten Korporationszwang.Aber allerdings haben die einzelnen Lebensgebietc ihren Schwerpunkt in gewissen Artender Organbildung: das militärische Leben ist heute überwiegend Staatsorganisation,während daneben einzelne Vereine für Zwecke der Verwundetenpflege und derartigembestehen; das wirtschaftliche Leben ist heute teils Familien-, teils Unternehmungs-organisation, reicht aber in wichtigen Punkten in die Korporations- und Staats-organisation hinein und wird das künstig wahrscheinlich noch mehr thun. Daskirchliche Leben ist teils Vereins-, teils Korporationsorganisation, das wissenschaftlicheund künstlerische ist überwiegend individuell persönlich, an Familie und kleine Unter-nehmungen angelehnt. Jedes Lcbensgebiet, das einheitliche Zwecke verfolgt, hat so einSystem von Organen, die ein Ganzes bilden, aber in innigster Verbindung und teilweisein Parallclentwickelung mit den Organen anderer Gebiete sich ausbilden. Wo aus einemGebiete die Organe fehlen, treten die auf anderen Gebieten entstandenen stellvertretendin die Lücke. Die Sitten- und Rechtsbildung ist eine einheitliche; dieselben Personenhandeln auf den verschiedenen Gebieten und übertragen die Anschauungen von einem