Lassalle, Rodbertus, Aiarx.
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idealistische Geschichtsschreibung und darum ein Verdienst, so sehr Marx und noch mehrseine Nachtreter den richtigen Gedanken übertrieben. Es ist gegen die übertreibendeFormulierung des Gedankens zu bemerken, daß gewiß alle höheren Kulturgcbicte durch diemateriellen ökonomischen Zustände bedingt und beeinflußt sind, daß aber ebenso sicher dasgeistig-moralische Leben eine selbständige, sür sich bestehende Entwickelungsreihe darstelltund als solche das ökonomische Getriebe beherrscht, umsormt und gestaltet. Das übersiehtMarx nicht bloß, sondern er ist auch infolge seiner einseitig nationalökonomischen, ganzan Ricardo angeschlossenen Vorstellnngswelt unfähig, eine psychologische Analyse deswirtschaftenden Menschen vorzunehmen, die Bedentung der sittlichen, rechtlichen undpolitischen Institutionen zu würdigen. Es war ein Fortschritt seiner Geschichtsauf-fassung, daß er auf die Zeichnung utopistischer Zukunftspläne verzichtete, aber zugleichverzichtete er ganz auf die Erklärung des psychologischen Wunders, das seine Geschichteund Socialphilosophie voraussetzt: die bestehende von Marx als nichtswürdig geschilderteWelt setzt die ausschließliche Herrschast des gemeinsten Besitzegoismns und Erwerbs-triebes bei allen Menschen voraus; die zukünftige von ihm erwartete kennt diese Eigen-schaft überhaupt nicht mehr, ohne zu erklären, wie sie plötzlich verschwinde.
Auch sein nationalökonomisches System, seine Mchrwcrtlehre, die Darstellung derkapitalistischen Produktion und ihrer Folgen ist eine große abstrakte Denkerleistung, vollScharfsinn und Gedankenreichtum; man kann sie loslösen von den überall eingestreutensocialistischen Flüchen und pathetisch-moralischen Verurteilungen der Kapitalisten undAusbeuter. Aber doch ruht dieses System ganz aus den Anschauungen und Voraus-setzungen Ricardos; es ist in gewissem Sinne die letzte Konsequenz der einseitigenNaturlchre der Volkswirtschaft. Ja Marx geht mit seinen mathematisch-technischen undspekulativ - abstrakte« Spitzfindigkeiten in gewissem Sinne hinter Ricardo und bisOuesnay zurück, indem er alle Wertbildung einseitig aus der Produktionsthätigkeit desArbeiters und alle sociale Klassenbildung aus dem Kapital und seiner Verteilungerklärt. Die Volkswirtschaft ist so nicht mal mehr Tauschgescllschaft, sondern ein technisch-natürlicher Vorgang, der an die Produktion, ihre Art und ihre Folgen sich anschließt,der immer wieder als eine Art mystischen Geheimnisses, sichtbar nur für Denker wieMarx , behandelt wird. Ich komme auf seine Mehrwert- und Lohnlehre unten zurück.Hier sei nur kurz angedeutet, daß Marx das sociale Grundproblem, wie es komme, daßder Arbeiter bei der Gütcrverteilung so wenig, der Unternehmer so viel erhalte, objektiv,durch ganz allgemeine Ursachen erklären will. Dabei geht er von der Fiktion, derArbeiter schaffe allein den Wert, als einem des Beweises nicht bedürftigen Axiome aus;dem Arbeiter wird der angeblich nur durch Unrecht und Gewalt zu seinem Kapitalgekommene, nichtsthuende Kapitalist entgegengesetzt. Und nun wird einfach geschlossen:der Arbeiter erhält nach dem Preisgesetze den niedrigen Lohn, von dem er notdürftigleben kann, der den Produktionskosten der Arbeit entspricht; das Plus, was er ent-sprechend der mystischen Produktivkraft der Arbeit erzeugt, ist der Mehrwert, den derKapitalist in die Tasche steckt. In dieser schablonenhaften Aufstellung ist das Einewahr, daß die Arbeitsteilung und Differenzierung der Gesellschaft, die Geldwirtschaftund die komplizierte volkswirtschaftliche Verfassung immer wieder an bestimmten einzelnenPunkten eine Güterverteilung schafft, welche als eine ungerechte zwischen leitenden undaussührenden Kräften empfunden wird; so entsteht der Begriff der Ausbeutung (des un-billigen Mehrwertes). Aber nicht das Kapital ist daran schuld, sondern die Differenzierung,ohne die es keinen Fortschritt gäbe; die technischen und kaufmännischen Überlegenheitender wenigen über die vielen, der Vorsprung der geistigen gegenüber der mechanischenArbeit und die ethisch-rechtlichen Unvollkommcnheiten unserer Institutionen sind diespringenden Punkte. Schon das ganze Operieren mit dem Begriff des „Kapitalisten"ist eine Gedankenlosigkeit. Nicht der Kapitalist, sondern der Marktkenner und Markt-behcrrscher ist der, welcher heute leicht mehr Werte als die übrigen Gesellschaftsklassenerwirbt. Und nicht eine Untersuchung der Natur der Ware, des Kapitals und ähnlichesbringt uns weiter, sondern eine solche der Ursachen menschlicher Verschiedenheit und der
SchmoNsr, Grundriß der VoltSwirtschaftslehr?, I. 7