Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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Volkswirtschaftliche Gesetze. Wesen der Deduktion,

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nur die regelmäßig und typisch sich wiederholenden Erscheinungsreihen: das sind die so-genannten empirischen Gesetze,deren Kausalverhältnissc entweder noch garnicht aufgedeckt oderwenigstens noch nicht quantitativ gemessen sind. Wirkliche Gesetze, d. h. Kausalverbin-dungen, deren konstante Wirkungsweise wir nicht bloß kennen, sondern auch quantitativbestimmt haben, kennt auch die Naturwissenschaft erst wenige. Die Erfassung psychischerKräfte wird sich quantitativer Messung Wohl für immer entziehen. Es ist aber jeden-falls charakteristisch, daß wir auch in der Volkswirtschaftslehre diejenigen aufgedecktenKausalzusammenhänge mit Vorliebe Gesetze nennen, bei denen wenigstens Versuche vor-liegen, die Massenwirkung der psychisch-socialen Kräfte in konstanten oder in bestimmterProportion sich ändernden Zahlenergebnissen zu messen: ich erinnere an die AusdrückeBevölkerungsgesetz, Lohngesetz, Preisgesetz, Gesetz der Grundrente.

Ein letztes einheitliches Gesetz volkswirtschaftlicher Kräftebethätigung giebt es nichtund kann es nicht geben; das Gesamtergebnis volkswirtschaftlicher Ursachen einer Zeitund eines Volkes ist stets ein individuelles Bild,-das wir aus Volkscharakter und Ge-schichte heraus unter Zuhülfenahme allgemeiner volkswirtschaftlicher, socialer und poli-tischer Wahrheiten begreiflich machen, aber entfernt nicht restlos auf seine Ursachenzurückführen können. Über die Gesamtentwickelung der menschlichen Wirtschaftsvcrhältnissebesitzen wir nicht mehr als tastende Versuche, hypothetifche Sätze und ideologische Be-trachtungen. Aber wir haben festen Boden unter den Füßen in Bezug auf zahlreicheElemente, aus denen sich die Volkswirtschaften der einzelnen Länder und Zeiten zusammen-setzen. Das Allgemeinste bleibt als das Komplizierteste stets das Unsicherste, vom ein-zelnen ausgehend dringen wir vor. Die einfacheren Verbindungen verstehen wir, dieEntwickelung einzelner Seiten können wir kausal ziemlich vollständig erklären, die Ge-schichte einzelner Wirtschaftsinstitute überblicken wir.

Was wir erreicht haben, ist ebenso sehr Folge deduktiver als induktiver Schlüsse.Wer sich überhaupt über die zwei Arten des Schlußverfahrens, die man so nennt, ganzklar ist, wird nie behaupten, es gebe die Wirklichkeit erklärende Wissenschaften, dieausschließlich auf der einen Art ruhen. Nur zeitweise, nach dem jeweiligen Stande derErkenntnis, kann das eine Verfahren etwas mehr in den Vordergrund der einzelnenWissenschaft rücken.

Die Deduktion geht von feststehenden analytischen oder synthetischen Wahrheitenaus, sucht aus ihnen durch Schlüsse und Kombinationen neue zu gewinnen; verwickelteErscheinungen versucht sie aus den bekannten Wahrheiten zu erklären; ihre Haupt-bedeutung besteht darin, daß der Untersuchende neuen Problemen gegenüber eine möglichstgroße Zahl feststehender Sätze in ihren Konsequenzen probierend, spielend, tastend ausdie zu lösende Frage anwendet, so den Schlüssel zu ihr suchend. Wir machen fast keinenSchritt unseres wissenschaftlichen Denkens ohne diese Operation. Je einfacheren Problemenwir gegenüberstehen, je weiter unser Wissen auf einem Gebiete schon ist, desto mehrwerden wir damit ausreichen, desto häufiger ist das noch Unaufgeklärte nur ein kom-plizierteres Ergebnis feststehender Sätze. Daher die bekannte Thatsache, daß die einfacherenWissenschaften schon ausschließlich oder fast ganz deduktive geworden sind, wie die Mathematik,die Mechanik, die Astronomie, daß die elementarsten Erscheinungen der Volkswirtschaft,die Markterscheinungen, der deduktiven Behandlung am zugänglichsten sind; daher derDrang aller Wissenschaft, möglichst deduktiv mit der Zeit zu werden.

Auch wo man noch weniger weit ist, wo man noch viele Kausalitätsverhältnissegar nicht aufgehellt hat, wo die verwirrte Komplikation der Erscheinungen gar nichtvermuten läßt, daß man schon alle Wahrheiten kenne, die zur vollständigen Erklärungnötig wären, wendet man doch, so weit es geht, bekannte Wahrheiten deduktiv an. Vorallem die von anderen vorbereitenden Wissenschaften gelieferten uud festgestellten Sätzeverwendet man deduktiv, also in der Nationalökonomie und in allen Staatswissenschaftendie psychologischen Wahrheiten. Man schließt aus dem Egoismus, dem Ehrgeiz, demTriebe der Liebe, kurz aus allen richtig bestimmten psychischen Sätzen deduktiv weiter.Es ist nur irreführend, wenn man aus einer Kraft schließt, wo mehrere wirken, voneinem Triebe eine falsche oder eine immer konstante Stärke annimmt.