Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
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110 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Stimmt nun das Ergebnis unserer deduktiven Schlüsse mit der Wirklichkeit nichtüberein, oder sind die bereits feststehenden Wahrheiten nicht ausreichend, unseren That-bestand zu erklären, dann schreiten wir zur Induktion; d. h. wir suchen aus dem vor-liegenden, genau beobachteten und geprüften Fall auf eine allgemeine Regel, auf einbisher uns verschlossenes Kausalverhältnis zu kommen. Aber die so gefundene neueWahrheit verwerten wir sofort wieder deduktiv, wir prüfen, ob sie auf analoge Fälle paßt.

In der Regel oder sehr häufig Pflegt man nun aber alle empirische Beobachtungals Jnduktionsverfahren zu bezeichnen; alle statistische und historische Forschung, allessynthetische Kombinieren von Resultaten solcher Untersuchungen gilt als induktiv. Werein gegebenes volkswirtschaftliches Verhältnis nicht aus dem Egoismus erklärt, sondernaus dem Volkscharakter, den Zeitverhältnissen, wird als induktiver Nationalökouombezeichnet, wie der, welcher aus einer Reihe hausindustriellcr Schilderungen allgemeineWahrheiten über das Vorkommen dieser Betriebsform zu gewinnen sucht. Und trotzdemliegen hier Wohl mehr deduktive als induktive Operationen vor.

Das aber ist richtig, wer in erster Linie auf dem Boden der Erfahrung steht, dertraut deduktive» Schlüssen nie so ohne weiteres; er hat mindestens das Bedürfnis, siestets wieder durch die Erfahrung zu verifizieren, durch neue Induktionen die Probe aufsExempel zu machen. Diese Rolle gesteht auch John Stuart Mill der Induktion in derVolkswirtschaftslehre zu, während er im übrigen sie auf den deduktiven Weg verweist.Die experimentelle Psychologie und Ethnologie soll ihr die Obersätze liefern, aus denensie schließen soll; sie selbst könne keine brauchbare Induktion vornehmen, weil sie keinExperiment vornehmen könne. Erhalte sie so nur annähernde Generalisationen, fogenüge das.

Wir geben zu, daß wir uns oft mit ungefähren Generalifationen genügen lassenmüssen; aber wir leugneten schon oben, daß der Mangel des Experimentes uns jedeInduktion aus guten Beobachtungen unmöglich mache. Wenn aus den verschiedenstenSchilderungen der Arbeits- und Industrie-, der Ackerverfassung immer wieder allgemeineResultate zu ziehen versucht werden, wenn immer zahlreichere Beobachtungen vergleichendnebeneinander gestellt werden, so mögen die Schlüsse nicht immer bereits feststehendesein; ein außerordentlicher Fortschritt, den wir der Induktion danken, liegt doch darin.Diejenigen, welche in der neuereu deutschen Nationalökonomie als Vertreter induktiverForschung gelten, bekämpfen nicht die Deduktion überhaupt, sondern nur die aus ober-flächlichen, unzureichenden Prämissen, welche sie glauben auf Grund besserer Beobachtungdurch genauere Oberfätze ersetzen zu können. Sie behaupten, daß die letzten Ausläuferder englischen deduktiven Schule wie K. Menger und Dietzel das Gebiet unserer Wissen-schaft allzusehr einengen, wenn sie nur Deduktionen aus einem oder ein paar Psycho-logischen Sätzen oder dem Princip der Wirtschaftlichkeit als theoretische Nationalökonomieanerkennen; sie glauben, durch zahlreichere Induktionen und Zuhülfenahme anderweiterDeduktion das Gebiet der bloß hypothetischen, mit der Wirklichkeit in immer stärkerenKonflikt kommenden Schlüsse mehr einengen zu können. Sie bekämpfen vor allem, wiewir schon oben ausführten (S. 7375), das einseitige deduktive Schließen aus sittlichenPrincipien und socialen Idealen, wie z. B. aus dem Princip der Gleichheit, der Frei-heit, der Gerechtigkeit. Sie betonen, man könne nur aus fest umgrenzten Aussagen überKausalverhältnisse deduktiv schließen, nicht aus Postulaten und Zweckideen, die nur all-gemeine Richtungen der wünschenswerten Entwickelung andeuten, die stets durch koordinierteandere Ideale begrenzt werden.

Was unserer Wissenschaft mehr genützt habe, induktives oder deduktives Verfahren,ist eine überhaupt nicht zu beantwortende Frage, zumal die größten Fortschritte hierwie überall mehr dem genialen Instinkt oder Takt gedankt werden, der blitzartigZusammenhänge und Kausalketten klar vor sich sieht, für die erst langsam nachher dieBeweise gefunden werden.

Gerade aber um zu solchen Lichtblicken zu kommen, ist in den Geisteswissenschaftenund mit am meisten in den Staats- und Socialwissenschaften eines nötig, was mehrin das Gebiet des deduktiven Schließens hinüberführt: Überblick über weite Wissens-