Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Der neuere Detail- und Wanderhandel.

Bedürfnis dcs Verkehrs ihn da und dort wieder oder überhaupt erst mehr heranrief,und weil da und dort die Not, die Konkurrenz ihm neue Kräfte in die Arme trieb.Manche Gewerbe konnten nur so sich Absatz schaffen oder ihn erhalten; Heimarbeiter,deren bisherige Abnehmer, die städtischen Detaillisten, nun billigere in- und ausländischeFabrikwaren kauften, wurden zu Hunderten wandernde Vertreiber von ihren eigenenund ihrer Genossen Waren. Weite Kreise der Kleinfabrikanten halten sich nur durchWandervertrieb. In vielen Gegenden ist sür zerstreutwohnende Arbeiter, z. B. die derBergwerksdistrikte, die Wanderversorgung mit allerlei Waren, selbst mit Lebensmitteln,am einfachsten. Der einkaufende, sammelnde Hausierhandel ist da notwendig geworden,wo der kleine Landmann nicht mehr wegen jedes unbedeutenden Postens auf den Wochen-markt ziehen und einen Tag verlieren will. Zeitweise haben Gesetze und Handelsverträge,die die fremden Hausierer den einheimischen unbedingt gleichstellten, den Wanderbetriebsehr vermehrt. Die preußischen Hausierer nahmen schon 183761 von 16 000 auf44 000 zu, am stärksten in der Rheinprovinz mit ihrer dichten Bevölkerung und ihremlebendigen Verkehr: nämlich von 2503 auf 9437. Nach der Erleichterung verdeutschenGewerbeordnung von 1869 stieg 187082 die Zahl der deutschen Hausierscheine von136 700 auf 227 617; 1893 waren es 226 364. Die Zunahme des Absatzes durchReisende steht teilweise dem Hausierhandel nahe; die Reisenden mit Mustern habenvielfach die Hausierer mit Waren abgelöst, besuchen nicht bloß Geschäfte, sondern findenauch in den Familien Kundschaft. Legitimationskarten an solche wurden in Deutschland erteilt 1870 31 285, 1893 70 018. Neben der enormen Zunahme von 300 auf 5000stehende deutsche Sortimentsbuchhandlungen im 19. Jahrhundert hat der Kolportage-buchhandel mit jetzt 1248 Geschäften seit den letzten 30 Jahren sich einen rasch steigendenAbsatz erkämpft, er hat in den breiten Massen des Volkes durch sein eifriges Angebotdas Lesebedürfnis geweckt. Einen fliegenden Lebensmittelverkaus duldet man in denmeisten deutschen Städten nicht, in Paris sind 6000 ambulante Straßenverkäuser kon-zessioniert.

157. Der Handel und die Handelsorganisation, e) Das Resultatder modernen Entwickelung. Was ist das Ergebnis dieser ganzen Entwickelung?Nicht daß überall heute zwischen Produktion und Konsum ein Händler oder gar einelange Handelskette steht. Wo sie zu entbehren ist, werden auch heute noch mit Rechtdiese Kosten gespart. Die Eigenwirtschaft mag in Westeuropa noch 16 bis 30 Prozentder Gesamtproduktion ausmachen. Noch heute kaufen viele Hausfrauen vom Bauerund Gemüsegärtner; der Staat, die Gemeinde, die Aktiengesellschaft bestellen heute wiesrüher direkt beim großen Maschinenfabrikanten. Aber sicher ist das Netz der Ver-mittelungen gegen srüher außerordentlich gewachsen und verdichtet; die Zwischenhaudels-glieder sind vielfach zu komplizierten, langgestreckten Ketten geworden. Ein steigenderTeil der Heimarbeiter, der kleinen und großen Fabrikanten, der Landwirte, ja derHändler selbst befindet sich mit seiner Thätigkeit, seinem Verdienst in Abhängigkeit von denVermittlergeschäften, zumal von denen, die in den großen Mittelpunkten des Verkehrsstehen, den weitesten Überblick, die meisten Verbindungen, die größte Macht haben. DieMehrzahl der Konsumenten erhalt heute ihren gesamten Bedarf vom Kaufmann. Kon-sumenten und Produzenten kommen nur durch ein oder zahlreiche Zwischenglieder inBerührung; beide übersehen mehr und mehr die Verbindungslinie nicht mehr. DieHändler suchen sie absichtlich in Unkenntnis derselben zu halten, denn darin liegt ihreStärke.

Die meisten alten Schranken dcs Handels und Verkehrs sind gefallen und mußtenfallen, damit in freier Konkurrenz diese neuen Bindeglieder des Handels und des ganzenwirtschaftlichen Lebens sich gestalten konnten. Die ganze Neubildung mußte die Mehr-zahl aller Menschen psychologisch zu etwas anderem machen; sie mußten nun Tag undNacht sinnen, billig einzukausen, teuer zu verkaufen; am meisten trat dieses für alleHändler ein. Ihr Erwerbstrieb, ihre Energie mußte bedeutend wachsen. Der kluge,der findige, der Pfiffige und rücksichtslose hauptsächlich kam voran, machte große Gewinne.Nicht bloß die alten rechtlichen Schranken, sondern auch die alten sittlichen waren ins