40 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^498
Wanken gekommen, sie paßten auf die neuen Geschäftsformen nicht mehr. Die neuenmoralischen und rechtlichen Schranken waren noch nicht vorhanden, konnten sich erstim Laufe von einigen Generationen bilden. Kein Wunder, daß die Klagen zeitweiseviel stärker wurden als die Empfindung des Fortschritts.
Und doch war die neue Handelsorganisation, die Zunahme der Zwischengliedernötig; die große moderne Volkswirtschaft und die Weltwirtschaft kann mit ihrer, dieWaren im ganzen verbilligenden Arbeitsteilung ohne die verbindenden Handelskettennicht bestehen. Die Frage ist nur, ob der neue Bau nach allen Seiten gelungen sei;ob die steigende Abhängigkeit vom Zwischenhandel nicht große Kehrseiten und Mißstündeerzeuge. Was Marx Kapitalismus nennt und als solchen anklagt, ist im ganzen nichtsanderes, als diese Abhängigkeit der ganzen Volkswirtschaft von den egoistischen Gcwinn-absichten der Händler und ihrer egoistisch ausgenutzten Kapitalmacht. Die in denweitesten Kreisen, hauptsächlich allerdings der Laien zunehmende Verstimmung überallen Handel, besonders über den sogenannten Zwischenhandel, seine Wuchergewinne,seine unvollkommene Organisation sind eine natürliche pessimistische Ablösung der altenoptimistischen Verherrlichung alles Handels. Sah man früher jedes neu eingeschobeneZwischenglied als einen Fortschritt an, so bildet man sich jetzt in weiten Kreisen desPublikums oft ein, jedes solche Glied sei überflüssig, unproduktiv, schädlich. Was istdie Wahrheit?
Wir haben eine außerordentliche Veränderung und intensive Ausdehnung desHandels erlebt; dieselbe ist nicht etwa planvoll einheitlich erdacht und ausgeführtworden, sie ist durch das freie Spiel der wirtschaftlichen Kräfte entstanden. Das Zielaller Händler und aller sich einschiebenden Zwischenglieder ist ihr Handelsgewinn, nichtdie bestmögliche Bedienung der Gesellschaft, die möglichst gute Vorratshaltung und Ver-teilung der Güter. Die Verkehrsmittel und die Arbeitsteilung forderten die neuenZwischenglieder; im einzelnen aber entstanden sie unter dem harten Konkurrenzkampf;wer am klügsten, mit den findigst überredenden Worten sich einschob, einen neuenPlatz sich erkämpfte, dem Produzenten den Absatz, dem Konsumenten den Bezug er-leichterte, der erhielt sich mit Erfolg. Viele schoben sich ein und behaupteten sich, ohnedaß ein dringendes Bedürfnis vorhanden war, überflüssige Arbeitskräfte suchten eineStellung, überflüssige Kapitale Beschäftigung. Und neben den neuen Gliedern erhieltensich zunächst viele alte und überlebte. Die hergebrachten Formen, die übergroße Zahlvon Zwischenstationen des Handels, welche den alten Verkehrsmitteln entsprachen,behaupteten sich zunächst durch das Gesetz der Trägheit. Neue Handelsorganisationensind beinahe immer deswegen so schwer zu schaffen, weil jede größere Änderung zahlreiche,in derselben Stellung Befindliche und daneben ganze Gruppen in benachbarter Thätig-keit Begriffene mit betrifft; der einzelne uud seine Einsicht vermag wenig, wo es sichum ganze Gruppen, Berufe und Stände handelt. Ehrliche und anständige, gemeineund gerissene, kluge und dumme Elemente wirkten bei der großen Umbildung mit.Es handelte sich meist um ein Tasten und Probieren, für das man erst in der zweitenund dritten Generation die rechten neuen Geschäftsformen fand. Es war ein Schlacht-feld, auf dem die Schwächeren hinsiechen und fallen mußten; nur in beschränkter Weisekonnte man ihnen helfend, erziehend, umbildend beispringen. Wir sind noch mitten indem großen Prozeß der handclsmäßigen Neuorganisation begriffen. Die alten und dieneuen Formen, Sitten, Moralregeln und Gepflogenheiten kämpfen noch miteinander.
Ist es da auffallend, daß Unvollkommenes und Häßliches neben Fortschritt undVerbesserung steht, daß die vergrößerte und technisch verbesserte Handelsorganisationdoch noch vielfach schlecht funktioniert, daß an manchen Stellen falsche Zwischengliederentstanden, veraltete sich erhielten, daß da und dort neben dem Fortschritt Spesen amSpesen sich häuften, daß wir noch heute hier eine teure, fchwerfällige Handelsvermittelungtreffen, dort ein monopolistischer ausbeutender Handel entstand oder sich erhielt?Schon die allerwärts einsetzenden Reformtendenzen und Neubildungen zeigen neben denKlagen der Konsumenten, der Produzenten und gewisser Händlcrkreisc selbst, daß demso sei.
' - -
«s»
«v^x.
—