Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Konkurrenz verschiedener Klassen und Betriebsarten.

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können nicht dic Absicht haben, sie zu erschöpfen. Nur das sei noch betont: die steigendeUngleichheit der socialen Klassen an persönlichen Eigenschaften und an Besitz muß nichtbloß die Dringlichkeit der Geschäfte für die Glieder der verschiedenen Klassen sehr ver-schieden gestalten, sondern auch die Folgen der Konkurrenz. Jeder Wettlauf relativgleicher Menfchen erscheint uns überwiegend als eine Kräftebelebung, jeder Wettlaufsehr ungleicher aber leicht als eine Barbarei, wobei der Schwächere unterliegen muß.Freilich nicht bloß die Ungleichheit der Klassen, auch sonstige Ungleichheiten kommenda in Frage, z. B. die der Rasse und die des Geschlechtes. Wenn der polnische undrussische Arbeiter den deutschen, der chinesische den amerikanischen Arbeiter unterbietet,so entsteht dadurch nicht leicht eine Hebung der schwächeren Rasse, sondern eine Herab-drückung der Lebenshaltung in ganzen Gebieten. Wenn an Stelle der Männer- diebilligere Frauen- und Kinderarbeit bevorzugt wird, so wird damit weder die Männer-,noch die Frauenarbeit an sich augespornt, wohl aber unter Umständen in weiten Kreisendie ganze körperliche und geistige Zukunft der heranwachsenden Generation bedroht.

Die gesteigerte Ungleichheit der konkurrierenden Kräfte bedeutet es, wenn nichtmehr bloß Personen, sondern auch Personenorganisationen neben- und gegeneinander inder Konkurrenz stehen. So lange ersteres nur der Fall ist, so lange nur Arbeiteroder Handwerksmeister, auch so lange nur Hausfrauen auf dem Markte nebeneinanderstehen, wird die Konkurrenz derselben untereinander Wohl stets eine mäßige bleiben;auch im schlimmsten Falle, wenn ein Arbeiter oder Handwerksmeister in seinem Berufkeine Stelle mehr findet, so sucht und findet er einen Arbeitsplatz, für den seine Kraftgenügt; der brotlose Schuster wird Portier oder Diener einer Lesegesellschaft. Selbstdas Aufgeben eines Ladens, einer kleineu Werkstatt, so hart das für den Inhaber seinmag, ist für die Gesellschaft kein großes Unglück. Die Konkurrenz zwischen Personenund kleinen Geschäften bedeutet im ganzen nur die richtige Abstufung ihres Einkommensnach ihrem Können, ihrer Geschicklichkeit. Fast nur einen solchen Wettbewerb gab esin den Tagen Turgots und Adam Smiths .

Ganz anders wird die Wirkung, wenn neben Personen und kleine Geschäfte großeMagazine, Fabriken, Groß- und Riesenbetriebe treten. Die persönlichen Kräfte sindnnn durch eine weite sociale, geistige und Vermögenskluft getrennt. Das große Geschäftkann durch seine Mittel, seinen Kredit, seinen größeren Verdienst von Jahr zu Jahrsich ausdehnen und so dem kleinen die Kunden wegnehmen. Eine Wirkung der Kon-kurrenz im Sinne des Anspornens, der Kräftebelebung der Kleinbetriebe ist von Anfangan meist ausgeschlossen. Der Großbetrieb vernichtet vielfach den kleinen; man magdas für ihn beklagen; wenn das Ganze dabei gewinnt, muß es hingenommen werden.Aber das ist eben die Frage, ob und in wieweit das Ganze nur Vorteil habe, wenn mitwachsendem Verkehr alle Geschäfte und besonders die großen einen immer stärkerenWettbewerb sich untereinander machen.

An Anspornung fehlt es dabei nicht; aber auch nicht an ungeheuerer Verschwendungvon Kapital und Arbeit, die eben für den Reibungsprozeß der Konkurrenz nötig wird.Ich führe nach den Mitteilungen von Jenks aus der neuesten amerikanischen Trust-enquete folgendes an: in vielen Gewerbszweigen sind die Reklamekosten heute so groß,daß man, sie sparend, die Waren um den halben Preis geben könnte. Hunderte undTausende von Reisenden besuchen alle paar Wochen die Abnehmer, um sich den Absatzstreitig zu machen; die überflüssigen derartigen Ausgaben im nordamerikanischen Wiskcy-geschäft werden auf 40 Mill. Dollars jährlich geschätzt. Wo in großen Staaten dieeinzelnen Geschäfte ihre Abnehmer überall zerstreut haben, werden Millionen für Frachtausgegeben, die gespart würden, wenn jeder Käufer bei dem ihm nächsten Geschäftkaufte. Große Anlagen an ungeeigneten Orten in unfähigen Händen vergeuden Kraft undKapital: in den Vereinigten Staaten machten sich 40 große Zuckerraffinerien Konkurrenz;als 18 mit enormen Verlusten Bankerott gemacht, wurde der Trust gebildet, er schloßnoch viele Betriebe und lieserte mit dem Rest leicht den ganzen Bedarf. KonkurrierendeEisenbahnen und Verkehrsanstalten überhaupt haben manchen Ländern Milliardenunnötig gekostet.

Schmollsr, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, II, I,S, Aufl. > 4