50 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. ^598
Das ganze Konkurrenzsystem in den Gebieten des vollendeten Verkehrs und desGroßbetriebes erzeugt so neben höchster Anstrengung maßlose Verschwendung; esbegünstigt aber auch durch die riesenhaften Interessen brutale Rücksichtslosigkeit, jaunehrliche Mittel, Erkausung der Presse, unter Umständen der Parlamente und Gerichte,ja einzelner Minister. Die großen amerikanischen Gesellschaften zahlen jährlich an Partei^führer und Parteien Summen von 100 000—1S0 000 Dollars. Und zuletzt wird immerleicht die Folge sein, daß die Großbetriebe sich als Kartell vereinigen, oder daß einzelneRiesenbetriebe alle anderen aufsaugen und so zum Monopol kommen, das die Konkurrenzganz aufhebt, wie die Preisverabredung es schon teilweise thut.
Seit es Konkurrenz- und Marktkämpfe giebt, haben immer die klügsten Interessentenversucht, solche Verbindungen herzustellen. Die Zünste waren dasselbe, was heute dieFadrikantenvereine, Trusts, Ringe und Kartelle sind. Es ist immer sür die eine Gruppeauf dem Markt das Vorteilhasteste, wenn sie zu einer Art Monopol oder zu Preis-Verabredungen kommt, auf ihrer Seite die Konkurrenz ganz oder halb stillstellt, ausder entgegengesetzten Seite sie aber um so ungestörter wirken läßt. Die heutige Tendenzaus Monopole und Ringe wäre nicht so stark, wenn nicht der Konknrrenzdruck ein soriesengroßer, für Jahre alle Gewinne in Frage stellender wäre. Auch die Arbeitersuchten nicht in den Gewerkvereinen und Gewerkschaften so eifrig Hülse, wenn nicht derKonkurrenzdruck ihre ganze Lebenshaltung und Existenz bedrohte. So oft die Gesetz-gebung Derartiges zu hindern suchte und thatsächlich auch hinderte, immer kam eswieder. Die Webbs konnten nicht mit Unrecht sagen, Konkurrenz hindernde Verab-redungen seien ebenso natürlich wie die Konkurrenz selbst. Aus ihnen gehen teilweisedie Konkurreuzregulierungen hervor, die wir weiterhin zu betrachten haben.
Unser vorläufiges Resultat ist einfach: Die Konkurrenz wächst nnt der Dichtigkeitder Bevölkerung, den ausgebildeten Verkehrsmitteln, der wachsenden Abhängigkeit vomMarkt. Sie hat heute einen Umfang und eine Kraft erreicht wie niemals früher.Wenn sie die alte Gemächlichkeit des wirtschaftlichen Lebens aufhob, fo belebte sie dafürdie wirtschaftliche Anstrengung und Energie, beförderte ein dem Fortschritt günstigesAusleseverfahren. Aber wo die Konkurrenzkämpfe über ein gewisses Maß hinausgehen,wo sie, wie so vielfach heute, eine übermäßige Härte erreichen, wo sie zwischen znungleichen, zwischen weit getrennten socialen Klassen, zwischen zu verschieden socialenOrganen, zwischen immer größeren Organisationen stattfinden, da üben sie nicht bloßsür breite Schichten der Gesellschaft eine bedrohende, herabdrückende Wirkung aus,sondern fchädigen auch durch mancherlei Ncbenfolgen die Gesamtheit, verderben durchruhelose Hast, durch vergiftende Selbstsucht die im Daseinskampf zunächst Gewinnendeninnerlich, steigeru die Konkurrenzkämpfe zu Klassenkämpfen, deren Beseitigung jeder weifePolitiker erstreben muß. Wo sie zum wirtschaftlichen Monopol führen, ist Ausbeutung,Bewucherung, Klassenherrschaft oftmals die letzte Folge, wenn das Monopol nicht unteröffentliche Kontrolle oder Verwaltung gestellt wird.
1L0. Öffentlichkeit und Konkurrenzregulierung; ihre ältereForm, ihre Beseitigung 1789—1870. Von dem eben gewonnenen Standpunktaus werden wir uns fragen, was gegen die Auswüchse der Konkurrenz durch dieÖffentlichkeit und durch die gesellschaftliche Regulierung der Konkurrenz, wie sie dieVerbände einerseits, Gesetze und Institutionen andererseits herbeiführen, geschehen könne.
Alle Konkurrenz selbst hängt ab von der Berührung der Menschen, von demSich-Sehen und -Sprechen, von der Orientierung aller Beteiligten übereinander, überPreise, Vorräte, Warenqualität, von den Kenntnissen und Nachrichten, die die Beteiligtensich verschaffen können, oder die ihnen geboten werden. Neben der allgemeinen wirt-schaftlichen Erziehung ist es eine gute oder schlechte Organisation der Öffentlichkeit, eineanständige oder unanständige kaufmännische Presse, welche maßgebend auf die Art derKonkurrenz wirkt. Vieles unterläßt der Geschäftsmann, wenn er weiß, daß es sofortbekannt wrrd. Die Unkenntnis von Angebot und Nachfrage kann leichter ausgebeutetwerden, wo die eine Seite sehr viel schlechter orientiert ist. Eine möglichst gut, raschund wahrheitsgetreu fungierende Öffentlichkeit ist das Lebcnselement der guten Wir-