Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Die neuere Konkurrcnzregulierung.

Kolonisation, in die großstädtischen Wohnungsverhältnisse durch Expropriation, Baupolizei,Bau von Arbeiterwohnungen und Kreditmaßrcgeln ein. Der Arbeiterversicherungszwang,das größte Stück der neueren deutschen Socialpolitik, ist auch ein tiefer Eingriff indie wirtschaftliche Freiheit. Die Versuche einer Börsenreform, ob gelungen oder nicht,wollten in verstärktem Maße eine gewisse Konkurrenzregulierung der Börsengeschäftedurchführen, wie sie von den Selbstverwaltungsorganen der Kaufmannschaft seit zwanzigJahren in Deutschland angebahnt worden war.

Das neue Patentrecht, der gesetzliche Schutz gegen Nachdruck, der Schutz derMuster und Marken, der Schutz der Warenzeichen, die Gesetzgebung über den Feingehaltvon Gold- und Silberwaren, sie schließen alle gewisse Arten der Konkurrenz aus, stellengewisse illoyale Versahrungsarten unter Strafe, vermindern das Übermaß des Kon-kurrenzdruckes für gewisse Zeit und gewisse Geschäfte. Die Bekämpfung des unlauterenWettbewerbs steht allerwärts auf der Tagesordnung, sie hat in der sranzösifchenJudikatur längst eine systematische Ausbildung erhalten; das deutsche Gesetz, das am1. Juli 1896 gegen ihn in Kraft trat, bekämpft die schwindelhafte und verlogeneReklame, die Qualitätsverschleierungen, die unlautere Herabwürdigung von Konkurrenten,die Spekulation auf Täuschung des Publikums durch Firmenschwindel, d. h. Benutzunghalb geänderter Firmennamen, sowie den Verrat von Geschäfts- oder Betriebsgeheim-nissen. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, diese Dinge ins einzelne zu verfolgen. Eshandelte sich nur darum, zu zeigen, wie von den verschiedensten Seiten her heute not-wendige und heilsame Schranken dem ganz sreien Getriebe der Konkurrenz gesetztwerden. Sie suchen teilweise überhaupt den Spielraum der Konkurrenz einzuengen (wiedie Schutzzölle, die Kartelle, die Konzessionierung gewisser Anstalten und Betriebe),teilweise und viel mehr die Art der Konkurrenz zu regulieren, nur die anständigen Mittelund Wege zuzulassen, den Druck der Konkurrenz aus einem auf Billigkeit der Preisegerichteten in einen auf bessere Qualität zielenden zu verwandeln.

Nirgends soll der Wettbewerb ganz ausgeschlossen, der Kamps ums Dasein be-seitigt werden. Die Konkurrenz und die aus ihr folgenden Handlungen haben auchheute noch und werden in aller Zukunft einen weiten Spielraum der Freiheit behalten.Er wird immer wieder um so freier gestaltet werden können, je anständiger und reellerdas Geschästsleben wird. Aber da dies immer nur bis auf einen gewissen Grad ge-schehen kann, da in Zeiten großen technischen und volkswirtschaftlichen Fortschrittes,in Zeiten siegender Weltwirtschaft und großer Spekulation auch alle gemeinen Leiden-schaften und Triebe zeitweise wachsen, so wird nur das Volk dauernd auf der Höhebleiben, das in solcher Zeit sich erinnert, daß die rücksichtslose Erwcrbssucht gebändigt,daß die Wogen des Konkurrenzdruckes in die rechten Kanäle geleitet, mit den Schrankenumgeben werden müssen, welche den großen sittlichen Lebensbedingungen der Gesellschaft,der harmonischen Entwickelung der wirtschaftlichen Kräfte und Klassen entsprechen.

Eine solche Entscheidung über die heute innezuhaltende Grenzlinie zwischen freierKonkurrenz und Konkurrenzregulierung ist nicht so einfach anzuwenden wie die, welcheder Manchestermann, und die, welche der Socialist giebt; der erstere erklärt, jedeSteigerung der Konkurrenz sei gut, der letztere, alle wirtschaftliche Marktkonkurrenzmüsse beseitigt werden. Aber beides sind abstrakt doktrinäre Entscheidungen, mit denenim praktischen Leben nichts zu machen ist. Wer auf unsern Standpunkt sich stellt,muß für jede einzelne praktische Entscheidung zweierlei kennen und richtig beurteilen:den allgemeinen Gang der gesunden wirtschaftlich-technischen und moralisch-politischenEntwickelung und die konkreten Kräfte, Strebungen und Verhältnisse des Specialgebietes,uni das es sich handelt. Danach wird er für freie Bewegung oder Regulierung sichentscheiden. Es wird oft nicht leicht sein. Aber das gilt für alle praktischen Maß-nahmen der Politik. Es handelt sich in ihr fast stets um ein richtiges Kompromißzwischen entgegengesetzten an sich gleichberechtigten Principien, aus deren Gegeneinander-wirken, aus deren abwechselnder Bevorzugung und Zurückdrängung die gesunde Ent-wickelung entspringt.