Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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Die socialen und psychischen Folgen der Geldwirtschaft.

es erzeugt die Geldgier, den Geiz, den Machtmißbrauch. Indem es den einzelnen die persön-liche Freiheit giebt, giebt es Wohl vielen Würde und Charakter, erzeugt aber auch beizahlreichen Besitzern Mißbrauch aller Art und dann Leere und Gleichgültigkeit. Indem esdie naturalwi'rtschaftlichen Bindungen und persönlichen Beeinflussungen aufhebt oder zurück-drängt, raubt es vielen, oft Tausenden und Millionen, die sittlichen Zusammenhänge,die Stützen, auf denen ihre Lebensführung beruhte; der des Lehnsnexus befreite Ritter-gutsbesitzer wird Getreidespekulant, der befreite Bauer verschuldet sich, verkommt vielfach;Tausende waren nicht fähig, sich zu halten, verloren ihre Hufe. Millionen von Arbeitern,die 17501900 aus ihren naturalwirtschaftlichen Verhältnissen herausgerissen wurden,verarmten und verkamen, weil sie ohne Kuh, ohne Schwein, ohne kleine Kartoffel-wirtschaft nicht sich zurecht fanden, im Getriebe der Großstadt die freie, selbständigeGeldwirtschaft nicht erlernten, der Verschuldung bei Bäcker und Krämer, dem Trunk,dem Laster. anheimfielen.

Tie Überlegenheit des Geldes über alle andere Ware erzeugt die großen Gewinneder Geldbesitzer. Die Geldleute sind die, welche immer gewinnen; bei ihnen wächst derReichtum oft lawinenhaft; die Geldwirtschaft erzeugt, wo sie eindringt, eine stärkere Diffe-renzierung des Besitzes und Reichtums als je zuvor. Und dain Geldsachen die Ge-mütlichkeit" aushört, da mit der Geldwirtschaft die persönlichen Rücksichten zurücktreten,so wird die Härte, die Rücksichtslosigkeit, die Macht der Geldleute leicht zum Krebs-schaden der "G^Dschaft. ' Hie^kaufen alles, die öffentliche Meinung, oft sogar die Re-gierung, und die Parlamente. Bestechlichkeit, Korruption, Prostitution (die geistige undme körperliche), das Überwuchern der Geldheiraten, der gewissenlose Materialismus, diecynische Blasiertheit, die frivole Lieblosigkeit, die ausbeutende harte Klassenherrschaft,das sind die Züge einer extremen Geldwirtschast. Derartiges ist keineswegs immer ein-getreten, kann, wo die Gefahren sich zeigen, bekämpft werden, aber häufig haben sichsolche Folgen in größerem oder geringerem Grade eingestellt.

Die älteren Socialisten wollten deshalb alles Geld abschaffen, später es durch einArbeitsgeld ersetzen: ihre Anklage ging dahin, daß früher der Aristokrat für den Sklavenund Leibeigenen immer noch persönliche Rücksichten gehabt habe, weil sein Interesse ihmSchonung gebot, daß der heutige Unternehmer den Arbeiter auspresse, dann wegwerfe. Siehaben darin Recht, daß die geldwirtfchaftlichen Beziehungen zunächst leicht Entfremdungund Gleichgültigkeit schaffen. Aber mit der Zeit sieht der Unternehmerstand doch ein,daß ein tüchtiger, gut geschulter Arbciterstand in seinem Interesse liege. Statt deralten individuell persönlichen Beziehungen und Rücksichten entstehen neue sociale Be-ziehungen, Bindungen, Beeinflussungen; statt der alten entstehen neue Institutionen;die Arbeitervcrbände, die Schiedsgerichte, die Hül'skassen, die Sparkassen ersetzen demArbeiterstand, was früher der Leibeigene an seinem Herrn hatte.

Und so auch in anderen Verhältnissen. Das reine Geldverhältnis, der ea-sd-nexus,der mit jeder Geldzahlung alle Beziehung erledigt glaubt, existiert kaum irgendwo voll-ständig. Auch den Kausmann und den Kunden verbinden dauernde sittliche Beziehungendes Vertrauens, der Anhänglichkeit; je höher die Berufe stehen, desto weniger ist derGeldempfänger mit dem bloßen Gelde zufrieden; der Arzt und der Gelehrte will nicht bloßHonorar, der Beamte und Minister nicht bloß Gehalt, der Unternehmer nicht bloß Gewinn.Die Ehre, die sittliche Achtung durch andere und sich selbst spielt in alles Wirtschafts-leben auch heute hinein. Die vornehme Gesinnung muß geweckt und ausgebaut werden.Es muß der sittliche Volksinstinkt die Gebiete finden und kennzeichnen, die jenseits allesGeldwerts liegen; die persönliche Würde und Unkäuflichkeit wird sich dann wieder inbreiten gesellschaftlichen Verhältnissen behaupten, gegen die Korruption kämpfen. DieMenschheit wird sich nach und nach klar werden, daß überall neben der Geldbeziehungpersönliche, höher stehende, über sie hinausreichende Beziehungen existieren und sich er-halten müssen, die dem Leben den wahren Wert und auch dem wirtschaftlichen Getriebeerst die rechte Ordnung geben.

Das Schlimmste, was wir an der Geldwirtschaft des sinkenden Altertums und derletzten Generationen aussetzen, ist nicht bloß Folge dieser, sondern der bestimmten sitt-

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