Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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M Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Siukommensverteiluua. s^55(i

dem Gelde oder vielmehr den gesellschaftlichen Einrichtungen, wie sie durch das Geldmit der Arbeitsteilung und dem Verkehr erwuchsen. Man wird so allerdings zugleichsagen müssen, daß häufig das einseitige Lob des Geldes ebenso oder mehr der Arbeits-teilung, dem Verkehr, dem Handel, dem Kredit, den heutigen Gemeinde- und Staats-einrichtungen, die auf Geld basieren, zu spenden sei. Man wird nie vergessen dürfen,daß es sich hierbei um lauter große gesellschaftliche Institutionen handelt, sür die dasGeld eine, vielleicht oft nicht mal die wichtigste, jedenfalls nur eine neben zahlreichenanderen Vorbedingungen sei.

Das dritte, was in die Augen springt, ist die Thatsache, daß der Geldverkehr diewirtschaftlichen Beziehungen der Menschen unter einander in eine losere Form bringt;die einzelnen, die in Geldform sich berühren, rücken auseinander, ihre gegenseitigeBeeinflussung und Abhängigkeit nimmt ab, sie treten in eine Art abstrakter Ferne zueinander, wie ich es öfter schon im ersten Teile bezeichnete. Aber dafür verbindet dieGeldwirtschaft viel zahlreichere Menschen, macht große Organisationen und Betriebe,Vereine und Heere, Gemeinden uud Staaten erst recht möglich. Ohne Geldwirtschaftist weder der moderne Individualismus und die persönliche Freiheit, noch der moderneGroßstaat mit seinen Finanzen, seiner Wirtschaftspolitik möglich. Wer diese zweiResultate für große Fortschritte der Menschheit hält, muß auch dem Gelde als einemMittel dazu seinen Dank zollen. So bekannt dieser Zusammenhang längst war, so hatihn doch niemand bisher so geistvoll ausgeführt wie Sinunel, dem ich im folgendeneinzelnes entlehne.

Alle naturalwirtschaftlichen Verhältnisse bedingten eine Verkettung von Person zuPerson, eine starke, persönliche, gegenseitige Beeinflussung; sie konnte eine sittliche Hebungund Stützung bedeuten wie persönliche Abhängigkeit, innere Bereicherung wie Unfreiheit.Ihr bestes Beispiel ist die Art, wie sie in der Familie stattfindet. Der Herr und derSklave, der Fürst und der Lehnsmann, der Gutsherr und der Bauer, der Meister undder Geselle waren zusannnengekoppelt, der eine abhängig vom anderen im Guten undBösen. Die Geldzahlung löst diese Bande mehr oder weniger, giebt ganze oder teil-weise Freiheit, wie sie am meisten der Käufer und Verkäufer, aber auch der Beamte,der Geldlohnarbeiter, der freie Bauer haben. Mit seinem Geldverdicnst kann dereinzelne nun wenigstens in den srcien Stunden thun, was er will; mit Geld in derHand ist jeder gleich, sühlt er sich unabhängig, auf sich gestellt; alle Geldkontrakte sindkurz, leicht löslich- Die Geldwirtschaft giebt die persönliche Freiheit und Unabhängig-keit, die Unkontrolliertheit, das ganz individuelle Für-sich-sein. In naturalwirtschaftlichenBeziehungen berührten sich Dutzende, in Geldbeziehung kann man zu Tausenden stehen.Man ist dann wohl auch von ihnen abhängig, aber nicht persönlich. Der Großstadtmensch,sagt Simmel, wird immer abhängiger von Ganzheiten und Allheiten, aber unabhängigervon Einzelheiten. Im Großbetrieb ist jeder Mitarbeitende vom Mechanismus der Technikabhängig, aber nicht so von einzelnen Personen wie in der Familie. Man hat immerwenigstens die Auswahl, die Möglichkeit des Ausweichens, am deutlichsten aus dem Markt,im Kundenverhältnis. Aber die Kehrseite ist auch, daß man sich viel weniger beeinflußt,daß man keine Rücksicht mehr nimmt, daß persönliche Werte und sittliche Wechsel-wirkungen verloren gehen. Der Mensch wird halb zur Nummer im großen Geldverkehr;der Geldverkehr macht leicht rücksichtslos, schamlos, hart und egoistisch, treulos undgleichgültig, weil der Mensch die sittliche Verpflichtung des persönlichen gegenseitigenGebundenseins nicht mehr so suhlt.

Damit kommen wir zum letzten Punkt, zu den großen sittlichen Schäden, die dieKeldwirtfchaft immer wieder mit ihren Siegen herdenührt, die vielfach auch als wirt-schaftliche Mißstände, als Notstände besonders der unteren Klassen sich zeigen. Indemda:- Geld das begehrteste und allmächtigste wirtschaftliche Gut wird, dasjenige, was fastjeder heute, um leben zu können, sich verschaffen muß, wird es sür viele aus einemdienenden Mittel zum Selbstzweck, ja zu dem alle anderen Lebenszwecke in den Hinter-grund drängenden, alle Bande der Moral, der Sitte, des Rechts sprengenden Ziele desStrebens; es ist unbegrenzt umlaufbar, giebt Genuß und Macht wie nichts sonst,